Einfach himmlisch

CD des Monats: Eva Zaïcik wandelt mit ihrem Album «Rebelle» auf den Spuren von Célestine Galli-Marié

Opernwelt - Logo

Sie war eine Göttin schon ihrem Vornamen nach. Doch nicht deswegen betörte Célestine Galli-Marié eine ganze Generation von Opern-Aficionados in der Zauberstadt Paris. Es war ihre Stimme, ihr Spiel, die das Publikum magnetisch anzog und einige der besten Komponisten des Landes dazu anregte, Bühnenwerke zu komponieren, die der französischen Sopranistin auf den Leib, in die Kehle und vor allem auch in ihr Naturell geschrieben waren. Einer von ihnen, Georges Bizet, setzte Galli-Marié sogar ein Denkmal, als er vor 150 Jahren seine «Carmen» zu Papier brachte.

Jenes Vöglein, das zur Sonne, zur Freiheit strebte und sich von niemandem sagen ließ, auf welchem Wege dies zu geschehen habe, war im Grunde ein Alter Ego der Sängerin. Eine Femme fatale et fragile, wie sie im Buche der Romantik stand – eigensinnig, wild, verletzlich, liebend. Und vor allem ziemlich rebellisch.

Man weiß nicht, wie viele von diesen Eigenschaften Eva Zaïcik in sich vereint. Hört man aber ihr Album «Rebelle», das die französische Mezzosopranistin an der Seite des zum Teil entfesselt aufspielenden Orchestre National de Lille unter der Leitung von Pierre Dumoussaud ins Aufnahmestudio geführt hat, lässt sich zumindest eine Seelenverwandtschaft erahnen. Zaïcik hat sich bei der Auswahl der Arien an der Karriere der «Himmlischen» orientiert. Und natürlich steht die Carmen dabei im Mittelpunkt. Es ist gewiss kein Leichtes, die beiden Schlager aus Bizets Oper zu singen, die Vielzahl an exzellenten und exzeptionellen Aufnahmen ist erdrückend. Eva Zaïcik aber lässt sich davon nicht beirren. Sie singt sowohl die zwischen d-Moll und D-Dur schwankende Habanera mit einer schnörkellos-unverblümten Direktheit, die auf Manierismen oder Stilblüten gänzlich verzichtet. Wie ein Jungbrunnen klingt ihr Mezzo in diesem (vom Orchester sublim eröffneten) Allegretto quasi Andantino, lebhaft, leicht, federnd, fast wie vogelfrei; auch auf jedwede agogische Sperenzchen verzichtet diese Sängerin, wissend, dass Bizet die leisen, kantablen Verzögerungen bereits in seine Musik implantiert hat. Das gleiche Bild bei der Seguidilla: Der Charme des Dreiachteltakts wird sowohl von der Solistin als auch von ihren Partnern mit einer exzellenten (und, wo nötig, akzentuierenden) Leggiero-Kultur bewahrt; und sogar ein typisches Carmen-Lachen erlaubt sich Eva Zaïcik einmal.

Das poetische Gegenbild ist die Mignon in Ambroise Thomas’ gleichnamiger Oper; auch diese Partie wurde seinerzeit eigens für die besonderen Qualitäten Célestine Galli-Mariés komponiert. Schon in der kleinen intimen Szene «Elle est, là, près de lui», vom Komponisten als Introduction et Récit-cantabile bezeichnet, zeigt Zaïcik, wie groß ihre Gestaltungsmöglichkeiten sind, wie variabel ihre vokalen Valeurs, wie natürlich ihre blühende, füllige, warme, in der Höhe strahlende Stimme. Kein Körnchen Vibrato legt sich darum herum, alles ist unverstellter, ursprünglicher Ausdruck. Und auch den berührenden melancholischen Unterton dieser Musik trifft die Mezzosopranistin punktgenau, so als wisse sie, welche Qualen Mignon im Stillen erduldet. Ein wenig fühlt man sich dabei an Zaïciks Vorgänger-Album «Mayrig» mit armenischen Liedern erinnert: Es ist die Reinheit der Mitteilung, dieses gänzliche Fehlen von Pathos, der Triumph eines vogelgleich-natürlichen Gesangs. Ist es auch im Goethe’schen Land, wo die Zitronen blühen – in Mignons Romanze aus dem ersten Akt, die in ihrer liedhaft dahinfließenden Zartheit von der Liebe wie vom Sterben erzählt, und genauso von Zaïcik interpretiert wird.

Betörend auch hier, wie es die Interpretin mit wenigen Mitteln und der eindrücklichen Unterstützung vom Orchestre National de Lille und Dumoussaud vermag, eine poetische Stimmung zu erzeugen. Doch sie kann auch anders: musikantischer, tänzerischer, koketter, dies bekunden insbesondere jene Arien aus Opern französischer Komponisten, die es nicht in den Kanon geschafft haben. Wie zum Beispiel gleich das erste Stück der CD, der muntere strophische Galopp der Colombine aus Ferdinand Poises «La surprise de l’amour», den Eva Zaïcik mit frecher Unbekümmertheit singt und erneut mit jener vitalisierenden Bergbrunnenklarheit, die eines ihrer Markenzeichen ist. Célestine Galli-Marié wäre begeistert. Wir sind es ebenfalls.

REBELLE: UN HOMMAGE À CÉLESTINE GALLI-MARIÉ
Eva Zaïcik, Orchestre National de Lille, Pierre Dumoussaud
Alpha Classics 1128 (CD); AD: 2024

VERLOSUNG Am 14. August um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55


Opernwelt August 2025
Rubrik: Medien, Seite 35
von Virginie Germstein

Weitere Beiträge
Untadelig

Io moro!», seufzt Sara – und sinkt mit einer lakonischen Orchesterkadenz ohnmächtig zu Boden. Man kann sie verstehen: In Metastasios oft vertontem Oratorienlibretto bleibt der Erzmutter des Volkes Israel wirklich nichts erspart. Und in dieser Produktion des «Isacco» der Komponistin Marianna Martines (1744–1812) noch weniger.

Die Genesis lässt es offen, aber Metastasio will auch die...

It’s Summertime!

GARSINGTON FESTIVAL L’elisir d’amore, Pique Dame, Rodelinda
Manche betrachten es als liebenswerte Marotte, andere halten den Brauch, sich am Nachmittag für den Besuch der beinahe wie Pilze aus dem Boden schießenden Landhausopern der britischen Sommersaison in Schale zu werfen, für einen absurden Anachronismus – noch dazu, wenn man für das Picknick in der langen Pause auf dem Gras sitzen...

Tödliches Schicksal

Eigentlich meint es das Schicksal gut mit Atys. Der sanfte, etwas schüchtern-zurückhaltende Jüngling wird geliebt von einer zauberhaften Nymphe. Und da auch Sangaride, die Tochter des Flussgottes Sangare, ihn anbetet, stünde dem Glück der beiden nichts mehr im Weg – wären da nicht jene zwei «Figuren», die ihre emo -tionale Neigung mit dem Besitz der Macht und deren Missbrauch verknüpfen....