Eine Ahnung von Avantgarde

An der Berliner Staatsoper dirigiert Christian Thielemann erstmals Strauss’ «Schweigsame Frau». Für ihn wie für den Regisseur Jan Philipp Gloger gilt: Der Respekt vor dem Stück ist groß, die Sorgfalt auch

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Christian Thielemann, der alte Strauss-Hase, wurde im Vorfeld der Berliner Premiere nicht müde zu betonen, wie schwierig die «Schweigsame Frau» sei. Ins Haarsträubende hat Strauss die Anforderungen an Orchestermusiker wie an die Sängerinnen und Sänger hier gesteigert. Rasende Geschwindigkeit, rhythmische Vertracktheit, blitzschnelle Farbwechsel: Für die Musiker im Graben gehört Richard Strauss’ neunte Oper, uraufgeführt 1935 in Dresden, zum spieltechnisch Heftigsten, was das Opernrepertoire bereithält.

Der Komponist dachte sich den Zinnober sehr entschieden aus als Jux und Dollerei: Es galt den Humor als sozial verbindendes Element zu behaupten in immer dunkler werdenden Zeiten.

Im Januar 1933, zwei Wochen vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, hatte Stefan Zweig den letzten Akt des neuen Librettos nach Garmisch geschickt, zwei Jahre später, bei der Uraufführung, war Zweig bereits nach London emigriert. Strauss setzte durch, dass der Name des jüdischen Autors auf das Plakat der Dresdener Uraufführung gedruckt wurde (Regie führte damals Josef Gielen, der Vater des Dirigenten Michael Gielen, es dirigierte Karl Böhm), ein von der Gestapo abgefangener Brief an Stefan Zweig führte schließlich zur Entlassung des Komponisten als Präsident der Reichsmusikkammer. Nur vier Mal wurde die «Schweigsame Frau» in Dresden gezeigt, danach landete sie auf dem Index der Machthaber.

Strauss aber hatte eine Musik geschrieben, die die Komplexität und die spieltechnischen Anforderungen der Nachkriegsavantgarde vorwegnahm: Zukunftsweisend ist schon der gewaltige Umfang des Schlagwerks, und wie sich das Stück in der Potpourri-Ouvertüre mehr oder weniger einblendet, als hätte jemand den Lautstärkeregler langsam aufgedreht, erinnert an Klangphänomene der elektronischen Musik. Der humoristische Einsatz von Xylophon- und Glockenspielgeklöppel schließlich lässt an die Hochgeschwindigkeitskomik der Disney-Filme denken. Zwischen Tonalität und Atonalität verwendete Strauss, was ihm zur Verfügung stand. Und das ist mehr oder weniger alles: schweifende Harmonik, die jegliche Anker von sich wirft, eine Klangrede, die frei ist von allen Einschränkungen der Tonalität, beißende Cluster, schneidende Dissonanzen, radauhaftes Krachen, aber auch der collagierende Rückgriff auf Musik der Renaissance und des Barock. Bernd Alois Zimmermanns Be -griff von der «Kugelgestalt der Zeit» hat in der «Schweigsamen Frau» ein frühes Beispiel.

Thielemanns Respekt vor dieser Musik ist hörbar groß. Bei seiner Premiere mit dieser Oper – er hat die «Schweigsame Frau» noch nie dirigiert – geht es äußerst kontrolliert zu, ganz zu Gunsten von Klarheit und Transparenz. Es rattert wie am Schnürchen, Strauss’ ausgefallene Instrumentationsideen (Fagott und Posaunen spielen eine wichtige, humoristische Rolle) erscheinen wie auf dem Silbertablett, die Lautstärke ist durchweg streng gedimmt, sodass den Darstellern auf der Bühne tatsächlich ein sprechendes Theater ermöglicht wird. Das ist sänger- und textfreundliches Dirigieren in entschiedenster Form. Thielemann opfert dafür gleichwohl die Knalleffekte dieser vor Einfällen überschäumenden Partitur; die bühnenfreundliche Zurücknahme des Orchesterklangs erreicht fast schon einen Ästhetizismus, unter dem die Gelöstheit des Spiels leidet. Richtig Radau gemacht wird hier nie (das hatte Strauss aber durchaus vorgesehen), die musikalische Selbstironie, die scharfen Klangwitze, die ein scharf gewürztes Libretto bebildern, erscheinen weich abgetönt.

Dabei lässt es Stefan Zweig in seiner Bearbeitung einer Komödie von Ben Jonson (1572–1637) zuweilen bauerntheaterhaft krachen. Der ehemalige Kapitän Sir Morosus hat empfindliche Ohren, nachdem er eine Explosion überlebt hat. Zugleich hat er das Bedürfnis nach sozialem Kontakt, der aber möglichst geräuscharm sein sollte. Ein Neffe stellt sich ein, freudig begrüßt, aber mit einer ganzen Operntruppe im Gepäck. Die Enterbung erfolgt im Nu, ebenso ein neuer Versuch des Neffen an die Reichtümer des ehemaligen Seefahrers zu gelangen: Eine Dame aus der Operntruppe soll ihm als vorbildlich «schweigsame Frau» zur Heirat präsentiert werden, soll sich aber später zum Hausdrachen verwandeln, der den Kapitän wieder zurück in die Arme des Neffen treibt.

Jan Philipp Gloger, der in Berlin Regie führt, hat das Libretto aufmerksam gelesen und abseits des komödiantischen Auftriebs das Problem der Alterseinsamkeit als Thema ausgemacht. Sir Morosus (lateinisch für «eigensinnig», «wunderlich») ist bei Gloger nicht einfach nur eine Figur der Comedy, sondern ein empfindsamer Mensch, mit dem der Zuschauer mitfühlen soll. Peter Rose bringt das glaubhaft auf die Bühne: ein Kapitän a. D. ist er fern aller Baron-Ochs-Deftigkeit (was aber durchaus ein Teil dieser Rolle ist), vor allem als Sänger tritt er hier auf, nicht so sehr als Darsteller: Die fein gesungene Linie ist ihm (und Thielemann) wichtiger als die pointierte, auf Lacher zielende Textgestaltung. Das wird im ersten Akt bestraft – er verläuft enttäuschend unkomisch –, ab dem 2. Akt aber belohnt. Verständlich wird nämlich, weshalb Timida, die Theaterbraut, für den alten Kapitän plötzlich Gefühle entwickelt und Mitleid empfindet mit dem Opfer ihrer Farce. Der Bühnenbildner Ben Baur hat dem Kapitän a. D. eine großzügige, großbürgerlich eingerichtete Berliner Altbauwohnung gebaut, in der es sogar ein eigenes Bibliothekszimmer gibt (das ist wohl ein bisschen dick aufgetragen). Hier fallen bald Kreuzberger Existenzen ein, wie man ihnen vor 20 Jahren noch begegnen konnte: In schwarzen Rockerjacken, in Glitzerhemdchen oder gleich mit freiem Oberkörper. Das ist die Operntruppe des Neffen Henry und sozusagen die Verbindung von Morosus zur heutigen Jugend. Am Ende des Abends – Ruhe ist eingekehrt, Morosus hat gerade seine Narretei eingesehen, eine jüngere Frau heiraten zu wollen, Strauss öffnet dazu sein Füllhorn balsamischer Musik – da sitzen alle um den großen Tisch des Wohnzimmers versammelt wie eine Mehrgenerationen-WG beim Abendessen. Mag das Komödiantische bei Gloger etwas schwer in die Gänge kommen, das anrührende Ende zeigt sein Gespür für das «soziale» Kunstwerk, wie es Hofmannsthal und Strauss entwickelten und wie es hier in der Zusammenarbeit mit Stefan Zweig weitergeführt wurde.

Generell geht an diesem Abend sängerische Kultiviertheit vor: Mit schlanker Stimme singt Samuel Hasselhorn einen eleganten Barbier Schneidebart, als durchtrieben-komische Figur bleibt er blass, Siyabonga Maqungo als Henry hat eine leuchtende Tenor-Geige, die Gepresstheit seiner Stimme geht hier als Ausdruck von Leidenschaftlichkeit durch. Brenda Raes Aminta bewegt sich zwischen intimer Zurücknahme und glänzenden Koloratur-Ausbrüchen. Das fein austarierte Gleichgewicht von Ernst und Unernst in diesem selbstironischen Werk verschiebt sich an diesem Abend hin zum Ernst. Das mag ein wenig enttäuschend sein, ist aber auch ein Ausweis für die Vieldeutigkeit dieses kaum zu überblickenden Wunderstückes – und für seine Schwierigkeit. ___

Strauss: Die schweigsame Frau
BERLIN | STAATSOPER UNTER DEN LINDEN 
Premiere: 19., besuchte Vorstellung: 22. Juli 2025
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Jan Philipp Gloger
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Justina Klimczyk
Licht: Tobias Krauß
Video: Leonhard Wölfl
Chor: Dani Juris
Solisten: Peter Rose (Morosus), Iris Vermillion (Haushälterin), Samuel Hasselhorn (Barbier Schneidebart), Siyabonga Maqungo (Henry), Brenda Rae (Aminta), Serafina Starke (Isotta), Rebecka Wallroth (Carlotta) u. a.
www.staatsoper-berlin.de


Opernwelt September-Oktober 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 52
von Clemens Haustein

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