Ein Abschied, ein Abgesang

Offenbach: Les Contes d’Hoffmann Madrid / Teatro Real

Opernwelt - Logo

Das schrägste, schmierigste, schaurig-schönste Faktotum dieser «Erzählungen» ist der schlaksige Weißkittel, Doktor Spalanzani. Irgendwo treibt er sich immer herum auf der Bühne des Teatro Real. Manchmal schiebt er eine abgedeckte Leiche quer durch die ranzige Halle, in deren Mitte Aktmodelle für ergraute Eleven posieren, die mit dem Kohlestift die Zeit totschlagen. Dann hat er ein paar Gliedmaßen unter den Arm geklemmt, schlurft neckisch grinsend auf eine Tür zu, hinter der sich offenbar seine anatomische Wunderkammer verbirgt.

Gleich zu Beginn führt der Doktor eine krude, abgedrehte «Hoffmann»-Entourage durch Anna Viebrocks tristen Kunstraum, lahmendes Touristenpack, das nichts mehr aus der Bahn des Immergleichen werfen kann. Spalanzani ist der Zeremonienmeister in Christoph Marthalers routiniert-rätselhaftem Offenbach-Absurdistan, ein clownesker Feinmechaniker des Vergeblichen, der nicht nur die Puppe Olympia zum Singen bringt, sondern die ganze Chose – via Fernbedienung – in Gang hält.

Graham Valentine erledigt diese Aufgabe famos: ein diabolisch auflachender Connaisseur, der mit hämischer (Schaden-)Freude und knarrender, whiskeyrauer Stimme Rezitative und Couplets durchpflügt. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Mortier Award 2014

Er war ein glücklicher Sisyphos. Einer, der sich nie entmutigen ließ. Selbst von der tödlichen Krankheit nicht, die ihn befallen hatte. Gerard Mortier ahnte, dass er den 31. Mai womöglich nicht mehr erleben würde. Den Tag, an dem wir ihm in Graz den ersten «Mortier Award» überreichen wollten: eine von Alexander Polzin geschaffene «Sisyphos»-Figur. Aber natürlich...

Aus dem Leben eines Taugenichts

Es gab einmal eine Zeit, in der sich Sänger und Kritiker so gut wie nie über den Weg liefen, geschweige denn miteinander sprachen. Und wenn sie’s taten, ging’s nicht immer gut. Da schüttete schon mal eine aufgebrachte Diva dem Schreiberling vor Wut ein Glas Wein ins ­Gesicht – wir alle kennen solche Geschichten. Ich erinnere mich gut an mein erstes Mal. Ich hatte...

Das Wasser war gar zu tief

Am 8. Juli 1947 notiert Thomas Mann in seinem Tagebuch, er habe ein «Neues, langes Schreiben von Furtwängler» erhalten und kommentiert lapidar: «töricht». Der Schriftsteller reagiert mit Schweigen.

Worum geht es? Im Mai 1947 kehrt Wilhelm Furtwängler nach seiner Entnazifizierung ans Pult der Berliner Philharmoniker zurück. Gleichzeitig befindet sich Mann, aus dem...