Editorial August 2018
Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt. Die Tradition bewahrt die Kunstform Oper davor, ins Beliebige abzudriften. Sie bildet ihr Zentrum. Einerseits.
Andererseits muss um dieses Zentrum herum das Neue, das Andere entstehen.
Traditionen müssen be- und hinterfragt werden auf ihre Gültigkeit über die Zeiten. Gerard Mortier zählte zu jenen klugen Köpfen, die dieses Postulat stets im Sinn hatten, wenn sie darüber nachdachten, wie die Gegenwart und, mehr noch, wie die Zukunft des Musiktheaters aussehen könne. Beleg hierfür ist ein Vortrag, den Mortier vor neun Jahren als Intendant des Teatro Real in Madrid hielt und der nun, als Bestandteil eines Essaybandes mit dem Titel «Das Theater, das uns verändert», erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht wird – einen leicht gekürzten Vorabdruck finden Sie ab Seite 50. «Die Tradition oder das, was gewöhnlich als Tradition bezeichnet wird», merkte Mortier mit dialektischem Scharfsinn an, «ist oft nur ein Synonym für Trägheit, denn die sogenannte Aufführungstradition, die den Werken anhaftet, spiegelt nicht notwendigerweise ihr wirkliches Wesen wider.» Man müsse, sich dem Diktat dieser Trägheit widersetzend, «jede angeblich normbildende Tradition genau anschauen und sie mit kritischem Geist analysieren».
Wie brillant das Ergebnis dieses Denkens über ein Stück und seine (Rezeptions-)Geschichte(n) sein kann, beweist beispielhaft David Martons Inszenierung von Mozarts «Don Giovanni» an der Opéra de Lyon (Seite 4). Oberflächlich betrachtet, gleicht so manches an dieser Arbeit einem Sakrileg: Rezitative ohne Akkordstütze, elektronisch verfremdete, durch den Saal huschende Geräusche, überdehnte, wortlose Pausen, gesprochene Passagen, die einem zeitgenössischen Text entnommen wurden. Nichts davon steht in der Partitur. Bei Lichte besehen, sind es aber genau solche «Kommentare», die dazu führen, dass man die von Mozart und Da Ponte eingeschriebenen (oder mitgedachten) tieferen Motive der Titelfigur auch noch aus der superaufgeklärten Perspektive unserer Tage versteht, sie in einen Bezug zum Heute setzen kann. Des «Helden» Leben, mehr noch, sein ganzes Tun, ist Symbol für eine sünd- und triebhafte Sexualität, die Vergnügen nur vortäuscht. Und Giovannis – dem Roman «Die Welt im Rücken» von Thomas Melle entliehene – Frage eine Grundfrage jeder Existenz: «Wohin bloß? Wohin?»
Die Kunstform Oper, so sie auch weiterhin gesellschaftliche Relevanz beansprucht, sollte diese Frage mit Lust und Wagemut an sich selbst richten. Genau das war es, was Gerard Mortiers Denken antrieb, als Dramaturg, Intendant und Theaterliebhaber. Sein Credo hallt nach: Um eine Oper ihrem Wesen gemäß auf die Bühne zu bringen, bedarf es sowohl der Begeisterung für das Werk als auch der Treue zum Geist dieses Werks. Werktreue nicht als Glaube an den Buchstaben verstanden, sondern als auf Kenntnis beruhende Suche nach Wesen und Kern.
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Sommerzeit ist Reisezeit. Und Gelegenheit, eines der vielen Festspiele zu besuchen – von Bayreuth bis Bregenz, von Salzburg bis Santa Fé, von München bis Aix-en-Provence (Foto). Wir sind vor Ort
Tobias Richter
Angefangen hat er als Regisseur. Doch seit mehreren Jahrzehnten sieht sich der Theatermann in erster Linie als Kunstermöglicher. Nun geht er in seine letzte Saison als...
