Editorial 4/22
Am 23. Februar war die Welt des Valery Gergiev noch in bester Ordnung. An der Mailänder Scala dirigierte Gergiev die Premiere von Tschaikowskys «Pique Dame», die wenigen, zaghaften Buhrufe vor dem ersten Takt wird er vermutlich nicht einmal vernommen haben. Im Weghören war der russische Dirigent immer schon ein Großer; was ihn nicht interessierte, existierte nicht. Als unumschränkter Herrscher über das Mariinsky-Theater, Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und Liebling des Jetsets konnte er sich diese Attitüde leisten.
Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Situation verändert. Stück für Stück seines Imperiums bröckelte ab, weil sich Gergiev, erklärtermaßen ein Freund des russischen Präsidenten, nicht von Wladimir Putin distanzierte, als dieser den Befehl zum Einmarsch in das friedliche Nachbarland gab. Die Empörung, vor allem im Westen, war riesig: Die Scala kündigte die Zusammenarbeit auf, Gergiev verlor seinen Posten in München, das Festival in Edinburgh entzog ihm die Ehrenpräsidentschaft, Verbier beendete die Partnerschaft, Konzert- und Opernhäuser zwischen Paris, Zürich, Hamburg und Luzern schlossen die Türen vor ihm. Sogar CDs des schwedischen Labels BIS Records, ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Über Auschwitz schreiben? Eigentlich erscheint dies, und das beileibe nicht nur Adornos vielbemühten (und vieldeutigen) Verdikts wegen, als ein Ding der Unmöglichkeit. Wie soll oder kann man ein Grauen in Worte fassen, das bis heute sprachlos macht? Und darf man dieses sprachlos Machende überhaupt in ästhetische Formen gießen? Liest man die romanhaften Reflexionen...
Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».
Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer...
Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen...
