Dunkle Fülle
Eine Müllhalde, davor ein scheinbar endloser Flüchtlingsstrom: Das erste Bild lässt rabiate Aktualisierung erwarten. Doch was Ausstatter Stefan Heyme auf die Bühne gestellt hat, ist weniger naturalistisches Abbild als stilisierte Skulptur. Regisseurin Tatjana Gürbaca gewinnt daraus ein Emblem menschlichen Elends, das Gegenwart und Vergangenheit erhellend aufeinander bezieht, ähnlich wie die Maler des Mittelalters, die sich Personen der Heilsgeschichte als ihre Zeitgenossen vorzustellen pflegten.
Die Regisseurin nutzt auch die Raumsituation im Kölner Staatenhaus, die flache Breitwandbühne und den bis weit ins Publikum ragenden Steg; das groß besetzte Orchester ist links und rechts davon platziert. Mitwirkende und Publikum teilen einen Raum, eine Zeit: Das ist die Konstellation des Mysterienspiels, das von alters her das Exemplarisch-Überzeitliche verhandelt.
Genau dies war auch Walter Braunfels’ Anliegen. Das Schicksal Johannas, der «Jungfrau von Orléans» – gefeiert, verstoßen, verurteilt – musste ihm schon deshalb nahegehen, weil ihm selbst im nationalsozialistischen Deutschland Ähnliches widerfahren war. Der hoch geachtete Komponist und Hochschulrektor sah sich unversehens als ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Ingo Dorfmüller
Als 1990 der erste Ministerpräsident Brandenburgs gewählt wurde, hatte das Land noch fünf Mehrspartentheater, die ganzjährig Oper, Ballett, Schauspiel und Orchesterkonzerte anboten. Ein einziges davon hat die Rotstiftpolitik der vergangenen 25 Jahre überlebt: das Staatstheater Cottbus (siehe Seite 78). Nicht einmal die Bühne der Landeshauptstadt Potsdam verfügt...
Schnell, geradezu unweigerlich fühlt man sich durch den «Spieler» in die Sphäre einer Theatralik des Absurden versetzt. Noch über den klinisch-pathologischen Befund einer alle Fibern der Existenz erfassenden Sucht hinaus wird die Universalisierung des «Spiels» in diesem von Sergej Prokofjew selbst in Librettoform gebrachten Dostojewski-Stoff zur Metapher für eine...
Die Cottbuser können sich beim Betriebsrat des Hallenser Opernhauses bedanken. Der hat ihnen nämlich Martin Schüler in die Arme getrieben. «In der DDR gab es ja die Absolventen-Einsatzkommission», erzählt der 1958 geborene und an der Berliner Eisler-Hochschule ausgebildete Regisseur. «Nach dem Studienabschluss musste man eine Prüfung ablegen und wurde dann einem...
