Wir arme Leut!
Schon in der ersten Szene fällt das Stichwort, das wie ein Leitmotiv immer wiederkehren soll: «Wir arme Leut!» Auch für Paul-Georg Dittrichs neue «Wozzeck»-Inszenierung (in Bremen die erste nach 45 Jahren) ist die Unvereinbarkeit von existenzieller Armut und Tugend das Thema, das es auf zeitlose Gültigkeit hin zu überprüfen gilt. Deshalb legt sich die Bühnenausstattung historisch nicht fest: Pia Dederichs und Lena Schmid haben auf einer drehbaren Rundplattform ein Stahlrohrgerüst mit mehreren Etagen konstruiert.
Es bietet eine ganze Anzahl von Spielorten, die nicht durch Wände abgeschirmt, sondern von allen Seiten einsehbar sind. Eine Art Versuchsanordnung, innerhalb derer das Geschehen auf seine Essenz reduziert wird. Auch ein Panoptikum: Am Anfang sind die Figuren, zum Teil in grotesken Kostümen, aufgereiht wie auf einem Jahrmarktskarussel. Dann spielt sich – geschieht das alles nur in Wozzecks Kopf? – ein regelrechtes Welttheater im Kampf um Geld und Liebe ab: jeder gegen jeden. Am Ende stehen alle wieder da wie zu Beginn; das Karussell dreht sich, als sei nichts geschehen. «Wir arme Leut!»: Der Satz ist aktuell wie eh und je.
Eine bittere, ja depressive Inszenierung, die sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2016
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Gerhart Asche
Wenn der Autor eines Textes über klassische Musik Engländer sei, stichelte der Dirigent James Levine einmal in einem Interview, könne man das auch ohne Namensangabe sofort erkennen. An den überschwänglichen Verweisen auf Bax, Delius, Tippett oder Brian. Oder auf Holst. Oder eben auf Ralph Vaughan Williams (1872-1958).
Letzterer, dem Nicht-Briten vor allem als...
Hildegard Knef sang einst das Lied von einem, der nie ein Kavalier bei den Damen war, doch dafür ein Mann, und Polly Peachum gibt im Barbara-Song der «Dreigroschenoper» ähnlich Machogläubiges von sich. Häufig scheinen Mädchen aus gutem Hause sich Außenseitern an den Hals zu werfen, weil diese vermeintlich die interessanteren Männer sind. Ob man damit freilich...
Fortschritt oder Reaktion, einfach oder kompliziert? (Gewissens-)Fragen, die die Kulturgeschichte durchziehen. Arnold Schönberg, «konservativer Revolutionär», pries Brahms als «the progressive», hielt gleichwohl der Frage, ob er Wagnerianer oder Brahmsianer sei, trotzig weanerisch entgegen: «Ich bin Selberaner.» Und immer wieder erhebt sich das Bild des Januskopfs,...
