Die Zeit ist ein grausam' Ding

Stephan Mösch über die jüngsten Opernpremieren in Thüringen: Barbers «Vanessa» in Altenburg, Previns «Endstation Sehnsucht» in Eisenach, Spontinis «Fernand Cortez» in Erfurt, Solers «Il burbero di buon cuore» in Rudolstadt

Opernwelt - Logo

I. Eigentlich ist Lucilla die kapriziöse Zicke des Stückes. Sie gibt sich ­bescheiden und einfühlsam, doch gleichzeitig zieht sie ihren Mann in den Bankrott, indem sie ihrer Leidenschaft für Mode, Haute Cuisine, Schmuck und Partys frönt. Sie ist das genaue Gegenteil ihrer Schwägerin, der lieblichen Angelina, die ihren Namen nicht umsonst trägt und abendfüllend darum bangen muss, ihren Geliebten heiraten zu können. Damit wären zwei Eckpunkte der Dramaturgie klar abgesteckt. Doch es kommt alles ganz anders.

Schon bei Lucillas erster Arie blüht das Orchester auf, als säßen plötzlich mehr Musiker im Graben. Die Harmonik spielt mit Hör-Erwartungen, reizt Trugschlüsse aus. Die melodischen Bögen wach­sen und sind doch mit unruhigem Puls unterlegt. In ihrer zweiten Arie – da wurde Lucilla gerade von ihrer Verwandtschaft verstoßen, und ihrem Mann droht eine Gefängnisstrafe – zeichnet die Musik eine Tragödie des Abschieds. In Seria-Manier setzt ein groß angelegtes Accompagnato-Rezitativ an. In Töne gefasst wird innere, nicht äußere Ohnmacht. Ein geprüftes Herz fleht zu Amor und singt sich aus mit Koloraturen, die existenzielle Verun­sicherung signalisieren. Holzbläser und Hörner sekundieren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der gemixte Orlando

«Orlando» wurde am 20. August 1720 im Privattheater des Prinzen von Torella in Neapel uraufgeführt. Das Besondere an dieser Premiere: Die Titelpartie sang ein damals noch unbekannter Sänger, der später als ­Farinelli Weltruhm erlangen sollte. Er war Schüler des Komponisten Nicola Porpora. Dieser war damals vierunddreißig Jahre jung und hatte bereits sieben Opern...

Keine Angst vor Höhenflügen

Sie wollte immer schon Sopran werden und war sehr traurig, dass es «nur» zum Mezzo gereicht hat. Die internationalen Erfolge, die sie über ein Jahrzehnt im tieferen Stimmfach hatte, konnten Violeta Ur­mana nicht über das Gefühl hinwegtrösten, das eigentliche Ziel verfehlt zu haben. Unterdessen trennte sie sich nach und nach von typischen Mezzo-Partien wie Azucena,...

Zündendes Debüt

Die Sandsäcke an der Rampe und die Granateneinschläge, die noch vor dem ersten Ton des Orchesters donnern, die Flower-Power-Jeansrock-Lässigkeit von Salome, das schlichte Anzugsgrau der Hofgesellschaft und die Kampfkleidung der Soldaten – all das behauptet in Meiningen szenisch zunächst einmal die Gegenwärtigkeit eines über hundert Jahre alten Stücks, dessen Sujet...