Die Welt von unten
Wurzeln überall, auch von oben hängen sie herunter, wir befinden uns mutmaßlich in einer subrealen Unterwelt. Vorne fließt, vom Parkett nur zu ahnen, ein Fluss vorbei, und als schließlich Mélisande, drapiert wie für eine kolorierte Kunstpostkarte, ihr fragiles Leben ausgehaucht hat, wird es gewiss: Es ist Styx, oder Lethe, denn Mélisandes Lebenslicht wird vom Arzt, der hier bereits als gewichtig schreitender Fürst der Finsternis eingeführt wurde, dem Gewässer anheimgegeben.
Da fließt es nun, mit anderen Lichtlein, beschaulich dahin, Debussys Finale gerät zum Soundtrack, und zu fragen wäre, ob wir noch dies- oder schon jenseits der Kitschgrenze sind. Das Duo Barbe & Doucet hat bis dahin, zuständig für immerhin Regie, Bühne, Kostüme und Dramaturgie, schon reichlich schöne Bilder geliefert. Junge Frauen, weiß bekränzt und beschleiert, begleiten das diskrete Dreiecksdrama um das Rätselwesen Mélisande zwischen den so verschiedenen Halbbrüdern Golaud und Pélleas. Auch Mélisande, der Nina Minasyan viel vokale Clarté und einen Hauch von Geheimnis schenkt, auch sie ist eine Frau in Weiß, und sie wird der Schar der Geister mutmaßlich beitreten, verlorene Seelen alle, anmutig herumgeisternd.
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Holger Noltze
Fahle Quart- und Quintklänge, fahles Licht. Man ist mit Blick auf die Figuren, die hier die Bühne bevölkern, versucht, an Goethes «Faust» zu denken: «Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.» Wir befinden uns im Jenseits, das signalisiert das lange Orchesterchorspiel. Und das vergegenwärtigen die Chorklänge, die...
Für Richard Wagner war die Sache einfach: «Wahn, Wahn, überall Wahn.» Beim Blick auf die Welt möchte man ihm beinahe zustimmen. Doch ganz so leicht ist es eben letztlich nicht. Es gibt Unterschiede. Feine Unterschiede. Sie betreffen die Wahrnehmung dessen, was mit dem Topos «Welt» beschrieben ist. Diese Welt ist ja nicht nur die Welt für alle und niemanden (wie...
Wenn Olivier Messiaen eine katholische Kirche betrat, muss sein Blick als Erstes auf die Glasfenster des Gotteshauses gefallen sein. Überliefert sind persönliche Momente der großen Faszination. Schon als er während seines Kom -positionsstudiums am Pariser Konservatorium durch die Monumente und Museen der Metropole streifte, berichtete Messiaen begeistert von seinen...
