Die Schutzlosen

Berlioz’ «Les Troyens» in München ist musikalisch und sängerisch ein Wurf, szenisch jedoch von zweifelhaftem Wert

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Ich sah Hectors Schatten wie einen einsamen Wächter über unsere Wälle schreiten», das singt Cassandre in ihrem großen Auftritts-Air im ersten Akt, nachdem der gläsern-luftige Chor der Trojaner, die sich der Illusion des Kriegsendes begierig hingeben, in schrillen Bläserfanfaren jäh verklungen ist. Jubelchöre, Staatsaktionen und hysterische Massenbegeisterung, die exoterische Seite des monumentalen Werks, sind Christophe Honorés Sache nicht.

Er lässt den groß besetzten Chor durchgehend in Konzertgarderobe die Stimme erheben, mehr oder weniger statuarisch, allenfalls mit sparsamsten Gesten, gelegentlich auch nur aus dem Off. Kapituliert hier ein nicht mit dem Opernmetier vertrauter Filmregisseur, dessen Markenzeichen die subtile individuelle Interaktion und Verstrickung ist, vor einer zweifellos heiklen Aufgabe, dürftig als Geste der Distanzierung kaschiert? Aber dann wird Hectors nur von der Seherin geschauter Schatten bedrückende, tatsächlich illusionssprengende Wirklichkeit. Nicht den Geist des gefallenen Bruders sieht Cassandre, sondern ein verstörtes Kind, das einen besudelten Mantel wie eine Leiche hinter sich herschleppt: Astyanax, Hectors Sohn. Von diesem Mantel, Schutz und ...

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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Klaus Heinrich Kohrs

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