Die Männer von La Mancha

Den Don Quijote gibt es nicht, weil es ihn nie gab. Vor vierhundert ­Jahren wurde der Roman von Cervantes veröffentlicht, und seit der ­Ritter von der traurigen Gestalt die Opernbühne betrat, hat er viele ­Gesichter gezeigt. Im Barockzeitalter machte er meist eine komische ­Figur, die Spätromantiker nobilitierten ihn zum Helden, in der Moderne wird er zum Tragiker. Unser Essay gibt einen Überblick über die abenteuer­liche Opernkarriere eines Abenteurers. Außerdem auf den folgenden Seiten: ein Bericht über die Innsbrucker Wiederentdeckung von Contis grandiosem «Don Chisciotte» aus dem Jahr 1719.

Opernwelt - Logo

Als der spanische König Philipp III. sah, wie ein junger Mann sich vor Lachen krümmte, kommentierte er dies mit den Worten: «Entweder der Bursche hat den Verstand verloren, oder er liest gerade den ‹Don Quijote›». Kann man den eigentüm­lichen Charakter eines Buchs besser beleuchten, das vor genau vierhundert Jahren das Licht der nicht allein literarischen Welt erblickte? Fast siebzig Opern wurden seit 1680 dem Ritter vom traurigen Gesicht gewidmet (denn «figura» bedeutet nichts anderes als eben: «Gesicht»).

Fünf­undsiebzig Jahre, nachdem der erste Teil publiziert worden war, erschien Don Quijote zum ersten Mal auf einer musikalischen Bühne: in Venedig, einer der bedeutendsten Opernstädte des 17. Jahrhunderts, in Gestalt von Carlo Sajons «Don Chisciotte della Mancia». Mindes­tens zwanzigmal wurde der Stoff vertanzt, mehr als ein Dutzend Symphonische Dichtungen und Orchesterstücke exis­tieren zum Thema. Sogar die leichte Muse hat sich der Gestalt angenommen: Es sind immerhin ein Musical, eine Farce, eine Posse, ein Kinderspiel, eine Serenata und ein Marsch, in denen Don Quijote und sein Knappe auftreten. Hinzu kommen etliche Zarzuelas, Liedvertonungen und Filmmusiken, so dass man ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2005
Rubrik: Thema, Seite 32
von Frank Piontek

Vergriffen
Weitere Beiträge
Tschaikowsky: Eugen Onegin

Onegin trägt seine Sinnsuche in den Zuschauerraum, auf einen um den Orches­tergraben gelegten Laufsteg. Sechsundzwanzig sei er, singt er gegen die Säule einer Parterreloge gelehnt, und das Nichtstun kotze ihn an. Ein Besucher in jener Loge fühlt sich angesprochen und zieht sich zurück ins Dunkel. Unangenehm betroffen. Nicht Onegins Schicksals wegen, sondern weil er...

Nosferatu lässt grüßen

Es besitzt einen gewissen Zynismus, dass sich der erste große Publikumserfolg der Ära Res Bossharts am Meininger Theater erst nach dem Rauswurf des umstrittenen Intendanten einstellt. Denn obwohl es noch Boss­hart gewesen war, der den Berliner Videofilmer und Politikersohn Philipp Stölzl für den «Freischütz» engagiert hatte, wird die Lorbeeren dafür nun sein als...

Heiter bis sonnig

Tokio, Ende September. In den Katakomben der Kongress- und Konzerthalle Bunka Kaikan. «Tannhäuser», erster Aufzug. Auf der Bühne schmettert Venus (alias Waltraud Meier) gerade dem zur Abreise entschlossenen Titelhelden (alias Robert Gambill) die Wut der düpierten Liebhaberin ins Gesicht: «Nie wird Vergebung dir zuteil.» Hinter den Kulissen schleicht bereits Matti...