Der betörende Glanz der Dummheit

Nikolaus Harnoncourt ist bei Strawinskys «The Rake’s Progress» angekommen, Martin Kusejs nicht jugendfreie Inszenierung am Theater an der Wien sorgt für Aufregung

Opernwelt - Logo

Es gibt ein berühmtes Foto von Igor Strawinsky: der Meister mit auf die Stirn geschobener Brille, die Welt mit großen Augen betrachtend. Genau so verwundert wäre er wahrscheinlich angesichts der Verbotszettel gewesen, die bei den Vorstellungen seines «Rake» im November an den Türen des Theaters an der Wien klebten. Denn dass eine seiner Opern ins Visier des Wiener Jugendschutzgesetzes geraten würde, hätte er sich vermutlich nie träumen lassen.

Und doch untersagte dieses Gesetz allen Jugendlichen unter achtzehn den Zutritt zur Aufführung – ungeachtet der Tatsache, dass längst schon Zehnjährige sich brutale Computerspiele hineinziehen, dass gerade Volljährige harte Pornos via Handy verbreiten. Und dass beim letzten österreichischen Stimmgang zum Nationalrat im September die politischen Rechtsaußen nicht zuletzt dank des Wahlrechts bereits für Sechzehnjährige unerwartete Gewinne erzielten.
«The Rake’s Progress» in Wien also erst ab achtzehn. Ein Schildbürgerstreich. Und warum? Wegen der fast greifbare Verlegenheit absondernden Nackten im Puff der Mother Goose? Nebbich. Zumal dieses Freudenhaus offensichtlich kein Haus der Freude war, Kopulation mechanisch imitiert wurde. Natürlich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2009
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Vermutlich bin ich barock»

Frau Piau, ein Satz von Ihnen steht unverrückbar im Raum: Sänger sind verrückte Menschen. Ist es tatsächlich notwendig, verrückt zu sein, um eine gute Sängerin oder ein guter Sänger zu sein?
Sagen wir es so: Nicht alle Sänger sind verrückt. Aber jeder Künstler muss ein bisschen egozentrisch sein, wenn er auf die Bühne geht. Sonst klappt es nicht. Und was wir nicht...

Après-Ski versus Abrissbirne

Waltraud Lehner ist in ihrer Stuttgarter Neuinszenierung mit Tschaikowskys «Eugen Onegin» Ski gefahren, und das ging weder für das Stück noch für die Aufführung gut aus. Lehner, die für den ursprünglich als Regisseur vorgesehenen Peter Konwitschny einsprang, liest Tschaikowskys musikalische Auseinandersetzung mit Alexander Puschkins Versroman vom blasierten Dandy...

Die Zeit ist aus den Fugen

Verdis selten gespielte Oper «I masnadieri» nach Schillers aufrührerischem Jugenddrama «Die Räuber» entstand gleichzeitig mit «Macbeth». Allein schon die Nachbarschaft zum finstersten Melodramma der italienischen Opernromantik müsste aufhorchen lassen. Das Libretto des mit Verdi befreundeten Schiller-Übersetzers Andrea Maffei, der auch beim «Macbeth» die Hand im...