Dead Jean Walking
Die erstaunlichste Erkenntnis beim Braunschweiger «Propheten» (wieder einmal): Die großen Opern Giacomo Meyerbeers sind zu machen, auch an Stadttheatern. Die Chorszenen packen unmittelbar. Die Partitur ist reich an Ohrwürmern. Nach 90 Minuten, sprich: nach dem dritten Akt, geht das in der zweiten Vorstellung nicht übermäßig zahlreiche Publikum den Triumphmarsch summend in die Pause. Die Gespräche drehen sich um die «herrlichen Melodien» dieses unbegreiflicherweise selten gespielten Stücks. Nach weiteren 75 Minuten, also nach dem fünften Akt, wird rhythmisch geklatscht.
An der Garderobe hört man Jeans Trinklied. Im Gästebuch bedankt sich manch ein Besucher für die «wunderbare Aufführung».
Die Grand opéra muss nicht auf große Oper machen, um zu funktionieren. «Le Prophète» entpuppt sich als Kammerspiel mit Chören (was man bei «Aida» längst entdeckt hat). Meyerbeers Anti-«Parsifal», der den Welterlöser als Demagogen entlarvt und dort anfängt, wo Wagner aufhört, indem er zeigt, was nach der Gründung einer Sekte alles schieflaufen kann, ist modernen Regiehandschriften nicht nur zugänglich, sondern ein gefundenes Fressen für sie. Wo kann man sonst so präzise und packend erleben, wie ein ...
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Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Boris Kehrmann & Stephan Mösch
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Der Rheinoper ist zum Saisonstart endlich wieder eine rundum überzeugende Eigenproduktion geglückt (Barrie Koskys Trickfilm-«Zauberflöte» ist ja «nur» ein schlauer Einkauf von der Komischen Oper Berlin). Altmeister Dietrich Hilsdorf läuft in der 150. Regie seiner Karriere zu großer Form auf. Es ist seine erste Begegnung mit dem von ihm bisher gemiedenen Richard...
Trotz ihrer erfolgreichen Weltpremiere an der New Yorker Met im Jahr 1910 findet man Puccinis «Fanciulla del West» nur gelegentlich auf den Spielplänen. Umso erfreulicher, dass sich die English National Opera nach 50 Jahren nun erstmals wieder zu einer Produktion des Dreiakters entschlossen hat. Und dass Richard Jones, sonst eher für ironische bis surreal-groteske...
