Das Leiden dieser Welt
Roms Glaube ohne Worte!» wollte Friedrich Nietzsche in Richard Wagners «Parsifal» gehört haben, nachdem er vom Verehrer zum Intimfeind des Bayreuther Meisters mutiert war und auf dessen kunstreligiöse Anwandlungen nebst Keuschheitsethik nur mehr mit Bissigkeit antworten konnte.
Um die böse Sentenz des Philosophen bloß nicht zu bestätigen, tilgt Michael Thalheimer in seiner Genfer Neuinszenierung nun jeglichen visuellen Anklang ans Sakrale: Die Gralsritter praktizieren kein Abendmahl, Gurnemanz salbt seinem Schützling Parsifal weder Füße noch Haupt, der gereifte reine Tor verwandelt die Jüdin Kundry nicht via Taufe zur Christin. Diese Kunst des Weglassens passt perfekt zum Image des Regisseurs als Experte der radikalen Reduktion. Selbst Requisiten gibt es kaum. Nur der Speer des Amfortas, den ihm Klingsor einst entwand, taucht im zweiten Aufzug auf, hier dann als einzige neue Zutat auch eine Pistole, die Kundry mit sich führt, um ihren Peiniger in den letzten Takten des Akts ins Jenseits zu befördern. Streng abstrahiert taucht im Bühnenbild von Henrik Ahr dann doch das Kreuz auf, sowohl in den hellen Mauern der Gralsburg als auch in der pervertierten Variante schwarzer Quader im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Peter Krause
Manchmal ist die Liebe wie Fallobst. Plumpst unerwartet (und doch seit langem ersehnt) direkt vor unsere Füße, und eine bange Sekunde lang fragt man sich, ob man dieses Obst überhaupt aufheben sollte, oder ob dieses nicht vielleicht sich selbst, gleichsam hegelianisch, «aufhebt» und in die Lüfte entschwebt. Zu groß ist das Erstaunen über seine Existenz (und...
Vor Filmaufnahmen von rauschenden Wellen steht ein Betonklotz mit Kanone, darauf ein achtköpfiges Instrumentalensemble mit Sonnenbrille und Pilzkopf. Schließlich hebt sich die Leinwand und enthüllt eine mit Schaumstoff isolierte Sprecherkabine inklusive Mikrofon, darüber blinken in leuchtenden Lettern die Worte «on air». Diese kuriose Bühnenbildanordnung beruht auf...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Im Zug höre ich oft Musik, die bisher an mir vorübergezogen ist. Neulich: Rameaus «Castor und Pollux». Als Télaïres Lamento «Tristes apprêts» begann – da war es aus mit mir. Außerdem liege ich immer (sic!) wimmernd auf dem Boden (egal wo), sobald es im «Figaro» «Contessa, perdono …» heißt.
Wo würden Sie ein Opernhaus...
