Broschüren, die die Welt bedeuten (wollen)
Jetzt, wo sogar die Spielzeitvorschau der Berliner Lindenoper den Weg von der Druckerei in die Briefkästen gefunden hat, hüpfen die Augen wieder einmal vor Freude. Wie reich haben uns die Opernhäuser beschert! Nicht nur mit bunten Farben und ausgefallenen Papiersorten, sondern auch mit vielen «special effects» – grafische, versteht sich. Manche Broschüre scheint gar für eine Galerie moderner Kunst zu stehen. Erst im Anhang ist noch von ein paar Opernaufführungen die Rede.
Ob das Heft gut in der Hand liegt, ob das Layout den Blick aufs Wesentliche lenkt: Nebensache.
Die (Theater-)Welt als Wille und Darstellung. Da können Grafiker noch so oft vor der Bündelung mehrerer Arten der Hervorhebung warnen, weil (übrigens wie auf der Bühne) überzeichnete Effekte leicht verpuffen. Im Heft eines renommierten Hauses dennoch fette Großbuchstaben allüberall, vom Titelblatt bis zu jedem Stücktitel. Und vor allem: J E D E R B U C H S T A B E E I N Z E L N F E T T U N T E R S T R I C H E N.
Solche Extravaganzen und (im eigentlichen Wortsinn) schräge Versuchsanordnungen sind nicht unbedingt und in jedem Fall ein Problem der Grafik – ein «echter» Theatermann, eine «echte» Theaterfrau ist ...
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Opernwelt August 2017
Rubrik: Einspruch aus dem Elfenbeinturm, Seite 62
von Anselm Gerhard
Vor elf Jahren war’s, bei «Mozart 22», der Gesamtschau zu dessen 250. Geburtstag in Salzburg. Festspielintendant Peter Ruzicka hatte die Idee, das Singspielfragment «Zaide» mit einem heutigen Pendant zu verbinden, die israelische Komponistin Chaya Czernowin lieferte «Adama» hinzu. Der Titel ist eine hebräisch-arabische Worterfindung aus den Begriffen für Erde, Blut...
Hieße der Komponist nicht Verdi, kein Mensch würde seinen Erstling «Oberto» aus dem Jahr 1839 kennen. Hin und wieder – besonders im Terzett des ersten und im Quartett des zweiten Aktes – blitzt das Talent des 26-Jährigen auf. Im Ganzen aber fällt das dramaturgisch unbeholfene Stück musikalisch nicht nur weit hinter Donizettis Spätwerke, sondern auch hinter die...
Wir haben es kommen sehen. Unsere im Jahrbuch «Oper 2016» veröffentlichte «Chronique scandaleuse» über Planungschaos und explodierende Kosten auf der Kölner Bühnenbaustelle schloss mit einer düsteren Prognose: «Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass ... die Sanierung womöglich noch mehrere Jahre erfordert.» Da hatte der nach Aufdeckung massiver Baumängel neu...
