Bonjour Tristesse
Stille Nacht. Aber keine heilige. Eher eine traurige. Schon jene fünf Akkorde, mit denen Schuberts Lied «Der Doppelgänger» auf Verse von Heinrich Heine anhebt, verraten viel über die Stimmungslage des einsamen Wanderers, wie wir ihn (und sein meist leises Flehen) schon aus der «Winterreise» kennen. Die Liebste ist unerreichbar fern, das Leben ein einziger vergeblicher Kampf.
Und so schleppt sich eben nicht nur der nächtliche Spaziergänger, sondern auch die Musik schweren Schrittes dahin, von h-moll (im Original) über einen Sextakkord auf Fis-Dur, die Tonika-Parallele D-Dur und den leeren dominantischen Quintklang (wie im «Leiermann») zurück in die Finsternis der Haupttonart.
Daniel Heide, derzeit einer der vorzüglichsten Liedbegleiter, spielt das ganz und gar unpathetisch, wie ein Kondukt. Und auch Andreas Bauer Kanabas findet für die (nächtlichen) Qualen des bedauernswerten bleichen Gesellen den richtigen Ton: traurig-abgründig, aber ohne jede Larmoyanz, eher nüchtern bilanzierend, doch nur bis zu jenen Worten, die dem Gedicht (und auch dem Lied) seinen Namen liehen: «Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe, / mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe – der Mond zeigt mir ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 35
von Jürgen Otten
JUBILARE
Am 15. Juli 1943 kam in der kleinen italienischen Gemeinde Pretoro (Provinz Chieti) Maria Pellegrini zur Welt. 1958 emigrierte ihre Familie nach Kanada. In Toronto und London studierte Pellegrini Gesang und feierte 1963 an der Canadian Opera Company ihr Bühnendebüt. In den folgenden Jahren sang sie am dem Haus in Toronto unter anderem die Annina in...
Als Frau auf die Welt zu kommen sei «die größte Strafe», sagt Amelia in Federico García Lorcas Schauspiel «Bernarda Albas Haus». Es ist die letzte unter den großen Frauentragödien des 1936 von den Faschisten ermordeten spanischen Dichters, die sämtlich von der Unterdrückung weiblicher Sexualität, von der verwehrten Erfüllung weiblicher Liebe in einer archaischen...
Es ist einer dieser milden Frühlingstage, früher Abend. Im Dreieck zwischen der Avenida Canarias, dem Calvo Sotelo und der Calle Lentini am Rande des Barrio Histórico Triana fließt der Verkehr träge und entspannt dahin. Dominiert wird das Bild von den gelben Bussen, die sich an der Küstenstraße aufreihen und die letzten Strandgäste einsammeln. Vom Atlantik weht...
