Augenblicke der Liebe
Nun sieh mal einer hin: Die Diva ist nackt. Na ja, fast, fleischfarbene Unterwäsche verbirgt die vulnerablen Passagen ihres Körpers. Dennoch erinnert die Eingangsszene stark an eine biblische Erzählung – an Susanna im Bade. Der Unterschied: Nicht zwei notgeile Richter schauen unerlaubt zu, sondern fast 2000 Menschen im Saal, die völlig legal eine Eintrittskarte erworben haben. Gleichwohl ist es schon erstaunlich, wie ungeschützt sich Sonya Yoncheva in jenem Zaubergarten, den Rufus Didwiszus auf die Bühne der Wiener Staatsoper gepflanzt hat, zahllosen Blicken freigibt.
Anscheinend vertraut sie dem Regiekonzept. Und allein wie Susanna ist sie auch nicht. Eine luftig gewandete Schar von Blumenmädchen umgibt die Königstochter. Nur dass das hier nicht der weihevolle «Parsifal» ist, sondern eine lyrische, zehn Jahre später komponierte Oper aus Russland – allerdings eine mit Allusionen an Wagners «Tristan». Da liegt sie also im Bade, weiß aber gar nicht, dass andere sie (an)sehen. Iolanta ist blind, ihre Wahrnehmung der Welt eine grundsätzlich differente. Zu leiden scheint sie daran auch in Evgeny Titovs Inszenierung keineswegs. Anmutig singend, entsteigt die Königstochter (die aber nicht ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 15
von Jürgen Otten
Unter Mozarts Da-Ponte-Opern gibt der «Don Giovanni» die größten Rätsel auf. Schon die Bezeichnung Dramma giocoso evoziert jene gespannte Ambivalenz, zwischen der das Stück quasi in der Luft zu hängen scheint. Andererseits bietet die Stellung zwischen Komödien-Himmel und Drama-Hölle ausreichend Raum für exzessive Experimente. Bereits in den 1980er-Jahren verlegte...
Natürlich muss man, fällt der Begriff der «Heimat», sogleich an Edgar Reitz denken, an sein epochales Filmepos gleichen Namens. Und natürlich hält die philosophische Literatur jede Menge schlaue Sentenzen zu diesem Topos bereit. Etwa die des stets heimatverbundenen, urdeutschen Denkers Martin Heidegger. In seinem Hauptwerk «Sein und Zeit» sinniert er über unser...
Eine universal freche Revue, ein Musiktheater als Rätsel-Entertainment, hatte das Berliner Festival MaerzMusik, hoch ambitioniert, zur Eröffnung versprochen. «Melencolia», die gute alte Schwermut, werde als «Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums» auf den Brettern im Haus der Berliner Festspiele aufschlagen – nachdem sie 2022 bei den Bregenzer Festspielen...
