Auf Leben und Tod
Gehen ohne zu verschwinden. In nächster Nähe sternenweit entfernt. Mit Händen zu greifen und doch unerreichbar. Sprachloser Schwebe ausgeliefert, gefangen zwischen Leben und Tod. So lange der Körper versorgt wird, das Blut pulsiert wie vorher. Vor dem alles entscheidenden Moment, als das Bewusstsein versank in tiefe Nacht. Und mit ihm die Fähigkeit, Kontakt zu halten zur Welt da draußen. Es ist ein atemraubender Zustand, die unfassbare Realität von Menschen, die in ein Wachkoma gefallen sind.
Niemand weiß, was Auge und Ohr, Nase, Zunge oder Haut dieser Menschen noch wahrnehmen, was die womöglich noch intakten Sinne der abgeschnittenen Seele senden. Eine Zumutung. Ein Ernstfall, der niemanden kalt lässt, uns alle angeht. Weil eine Frage mitschwingt, der sich ein jeder, früher oder später, zu stellen hat: Was, wenn ich selber gehen muss?
Der österreichische Komponist Friedrich Georg Haas (*1953) schlägt, seit er Musik erfindet, Funken aus dieser Nacht. Genauer: aus einer Zwischenzone, in der Licht und Dunkel sich verschränken, das Helle von Finsternis durchdrungen ist. Schon in den frühen Bühnenwerken – «Adolf Wölfli» (1981), «Nacht» (1998) – zeichnet sich ein obsessives Interesse ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrecht Thiemann
Am 8. März dieses Jahres ist der Komponist und Dirigent Michael Gielen gestorben – einer der scharfsinnigsten Musikpraktiker unserer Zeit. Was immer er anpackte, stets ging es ihm um das (unvollendete) Projekt der Moderne. Als Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt setzte Gielen ein neues, an der Gegenwart orientiertes Musiktheater durch – gemeinsam mit...
Frauentag, Feiertag (wenngleich nur in der Hauptstadt), Freudentag. Ob es nun Zufall war oder hellsichtige Planung – für genau diesen Tag die Premiere von Bedřich Smetanas komischer Oper «Die verkaufte Braut» anzusetzen, besaß einen gewissen Charme, zumal mit Mariame Clément eine feministisch-aufgeklärte Regisseurin ihr Debüt an der Semperoper gab. Und wieder...
Man sieht es und staunt: Keine Männer in Doppelripp oder Uniform, keine Vergewaltigung, kein Blut. Und auch keinerlei Ersatz mehr für den Sonntagabend-«Tatort». Dabei könnte Alexander Zemlinskys oft autobiografisch gedeuteter «Zwerg» – der Komponist war extrem klein und galt als hässlich – die erschütterndsten Metaphern liefern, etwa für die Ausgrenzung von...
