Auf Leben und Tod
Gehen ohne zu verschwinden. In nächster Nähe sternenweit entfernt. Mit Händen zu greifen und doch unerreichbar. Sprachloser Schwebe ausgeliefert, gefangen zwischen Leben und Tod. So lange der Körper versorgt wird, das Blut pulsiert wie vorher. Vor dem alles entscheidenden Moment, als das Bewusstsein versank in tiefe Nacht. Und mit ihm die Fähigkeit, Kontakt zu halten zur Welt da draußen. Es ist ein atemraubender Zustand, die unfassbare Realität von Menschen, die in ein Wachkoma gefallen sind.
Niemand weiß, was Auge und Ohr, Nase, Zunge oder Haut dieser Menschen noch wahrnehmen, was die womöglich noch intakten Sinne der abgeschnittenen Seele senden. Eine Zumutung. Ein Ernstfall, der niemanden kalt lässt, uns alle angeht. Weil eine Frage mitschwingt, der sich ein jeder, früher oder später, zu stellen hat: Was, wenn ich selber gehen muss?
Der österreichische Komponist Friedrich Georg Haas (*1953) schlägt, seit er Musik erfindet, Funken aus dieser Nacht. Genauer: aus einer Zwischenzone, in der Licht und Dunkel sich verschränken, das Helle von Finsternis durchdrungen ist. Schon in den frühen Bühnenwerken – «Adolf Wölfli» (1981), «Nacht» (1998) – zeichnet sich ein obsessives Interesse ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrecht Thiemann
«Ins Feld! Ins Feld! / Zur Schlacht! / Zum Sieg! Zum Sieg! / In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!» Der missverständliche und in der Tat ja nicht erst von den Nazis missbrauchte Schluss war schon für Ingeborg Bachmann ein Problem, als sie 1958/59 für Hans Werner Henze Kleists Schauspiel «Der Prinz von Homburg» als Operntext einrichtete. Bewusst implantierte sie...
Was ist Musik? Tönend bewegte Form, wie Eduard Hanslick postulierte, der einflussreichste Musikpublizist des späten 19. Jahrhunderts? Ausdruckskunst, die alle Sinne überwältigt, wie Richard Wagner sie in seinen mythenschweren Longplay-Dramen konzipierte? Klingender Einspruch gegen den Lärm der global verschalteten Welt? Reine Gefühlssache? Ungreifbare...
Ein niedliches Dorf nistet zwischen grünen Hügeln, die Häuschen dicht an die Kirche geschmiegt. In Anthony McDonalds «Werther»-Inszenierung sorgt der durchscheinende Prospekt im Portal vor jedem Aktbeginn für Kontext: ein Ort so wohlgeordnet, so hell und überschaubar, dass heimliche Liebe unmöglich ungesehen bleiben kann. In dieses Bild wird das Haus des Amtmanns...
