Auf halbem Wege
Eine junge Frau hält einen Totenkopf in den Händen, betrachtet ihn eingehend, wirft ihn dann von sich; ein Kind fängt den mutmaßlichen Schädel auf, er entpuppt sich als Ball. Und wir haben uns täuschen lassen. Calixto Bieito punktet, führt mit einem konkreten, angemessen schillernden Bild in seine szenische Anverwandlung von Verdis «Messa da Requiem» ein. Mutter und Sohn spielen miteinander.
Doch liegt in diesem familiären Carpe diem nicht auch ein heimliches, die schlichte Idylle gefährdendes Memento mori? Muss der Kleine, der in der vom Regisseur erdachten Figurenkonstellation als Sohn von Sopransolistin und Bass erkennbar wird, womöglich eines frühen Todes sterben? Die dezidiert alltägliche Exposition dieser Veroperung einer Requiemmusik, die Hans von Bülow einst als «Oper im Kirchengewande» verspottete, lässt uns anregend heutige Bilder erwarten, lässt uns übers eigene Glauben, Hoffen und Zweifeln nachsinnen wie über jenes des mindestens kirchenkritischen Komponisten, der im finalen «Libera me» zwar um Erlösung fleht, ohne aber ein letztgültiges Versprechen auf ein ewiges Leben geben zu können. Über dem sanften utopischen Vorschein steht musikalisch ein in vierfachem Piano ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Peter Krause
Auf Mark Wigglesworths Pult liegt John Tyrrells 2017 erschienene kritische Neuedition von Janáčeks letzter Oper «Aus einem Totenhaus». In der Ouvertüre schlagen die hohen Violinen weniger nervös aus als etwa bei Charles Mackerras: Wigglesworth scheint darauf bedacht, das beinahe kammermusikalisch agierende Orchester bewusst dicht zu führen, um den von Janáček in...
«Diese Bilderbuchkarrieren, gibt’s die überhaupt?», fragte Doris Soffel im Gespräch mit «Opernwelt» einmal (siehe OW 9-10/2015). Ihre Antwort: «Nein! Es gibt nur Zickzack.» Mit entwaffnender Offenheit sprach da eine Mezzosopranistin, die vom Koloraturfach kommt, ihren internationalen Durchbruch nach neun Stuttgarter Ensemblejahren als Sesto in Mozarts «Tito»...
«Man hält sie für eine Lügnerin, eine Hochstaplerin, ein hysterisches Weib – und sie ist schließlich so unglücklich! Ich wollte, alle hätten sie gern.» Mit diesen Worten verteidigte Janáček seine Heldin, die alterslose Emilia Marty alias Elina Makropulos. Er führt sie uns fast die ganze Oper hindurch vor, wie sie von außen gesehen wird: in bizarren Klangbildern,...
