Ermonela Jaho; Foto: Russell Duncan

Apropos... Selbstbewusst

Wer ERMONELA JAHO engagiert, bekommt keine Stimmbesitzerin, sondern ein Gesamtkunstwerk. Hochemotional sind ihre Rollenporträts, die gebürtige Albanerin riskiert dabei beherzte Grenzgänge. Dass sie gern stirbt auf der Bühne und dies als Therapie betrachtet, gibt die Sopranistin unumwunden zu. Im vergangenen Jahr hatte sie ausgiebig Gelegenheit dazu

Frau Jaho, 2017 bestand für Sie fast nur aus Butterflys und Violettas. Wie das?
Ich habe das etwas spät realisiert. Die Verträge wurden nach und nach unterschrieben, und irgendwann war dieser Terminplan komplett. Mancher mag kritisieren: Über 30-mal hat sie schon Cio-Cio-San gesungen, das ist doch verrückt.» Mir ist klar, dass ich ein lyrischer Sopran bin. Aber die Titelheldin ist immerhin erst 15. Auch Manon Lescaut ist eine sehr junge Frau. Ich möchte dem Stereotyp entgegenwirken, dass man für diese Partien eine Riesenstimme braucht.

Puccini fordert Farben, Nuancen, nicht unbedingt Kraft.

Dann dürften Sie Dauerverhandlungen mit Dirigenten führen.
Ich bin froh, mittlerweile in der Situation zu sein, dass ich mir das erlauben kann. Eine meiner besten Karten auf der Bühne ist, dass ich expressiv sein kann – was nichts mit Lautstärke zu tun hat. Ich kenne meine Grenzen. Und innerhalb dieser versuche ich, meinen Traum zu leben.

Den Sie schon als Kind in einem isolierten, politisch hochproblematischen Albanien hatten?
Ja. Und er ging auf wundersame Weise in Erfüllung. Ich will mich nicht beklagen, aber die Übersiedlung nach Italien war eine Befreiung in jeglicher Hinsicht. Obwohl ich in Rom eine Krise durchmachte: Es hieß zunächst, ich sei ein Mezzo, vielleicht wegen der dunklen Klangfarbe. Das funktionierte überhaupt nicht. Ich musste wieder bei null anfangen, die Stimme Ton für Ton neu aufbauen und vor allem Geld für die Ausbildung zusammenkratzen. Auch wenn das jetzt sehr melodramatisch klingt, habe ich doch eines gelernt: Ich versuche, immer im Heute zu leben. Wer weiß schon, was morgen ist? Warum also immer an die Zukunft denken und vielleicht Angst vor ihr haben? Ich weiß, das ist ein bisschen verrückt. Aber ich denke mir oft, wenn ich auf die Bühne gehe: Handle so, als ob es dein letzter Auftritt ist. Ich weiß auch, dass ich nicht ewig auftreten kann. Ich bin jetzt 43, singe seit 25 Jahren und habe mich von der Barockmusik zu Puccini vorgetastet. Was bedeutet, dass man auch von vielem Abschied nehmen muss.

Trauern Sie dem Barock und Mozart nach?
Ja. Ich singe mich immer noch ein, als ob ich eine Barockpartie vor mir habe. Und ich arbeite in den USA weiter mit einer Lehrerin, wir sind Freundinnen geworden. Es geht in solchen Stunden ja nicht darum, kleine Kratzer zu beseitigen. Der Körper, das Muskelspiel, all das verändert sich ständig. Es ist, als ob man ständig den Führerschein neu machen muss.

Ihre erste Violetta haben Sie in Tirana mit 17 gesungen. Wie kam es dazu?
Es war ein Experiment, auch um zu erfahren, wie weit ich gehen konnte. Natürlich singe ich sie jetzt anders, bewusster. Ich stimme übrigens nicht denjenigen zu, die meinen, die Rolle erfordere eigentlich drei Stimmen oder drei Sopranistinnen. Die Partie verlangt schlicht all das, was eine Sopranistin braucht. Hohe Noten, Flexibilität, Belcanto-Fähigkeiten, die richtige Kraftdosierung in jeder Lage.

Sie wohnen mit Ihrem Mann in Long Island. Sind Sie zur US-Amerikanerin geworden?
Nur vom Pass her. Aber im Herzen und in der Seele bin ich noch Albanerin. Jede Heimat gibt einem schließlich Entscheidendes mit.

Und was war das bei Ihnen?
Die Entschlossenheit. Die Frauen bei uns sind geradlinig, durchsetzungsfähig, manchmal auch kompromisslos. Einfach, weil sie lernen mussten, sich in dieser Gesellschaft zu behaupten. Meine Großmutter war eine Kämpferin, meine Mutter auch. Nichts wurde ihnen geschenkt. Ich habe gelernt, dass nichts im Leben unmöglich ist. Nicht von ungefähr kommt Mutter Teresa aus Albanien.   


Opernwelt Januar 2018
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Markus Thiel