Affäre Salome
Einer der unumstößlichen Regiegrundsätze lautet: Wer sich bei Kollegen freimütig bedient, sollte sich nicht erwischen lassen – und wenn doch, dann wenigstens dazu stehen. Beides ging bei der diesjährigen Eröffnung der Wiesbadener Maifestspiele daneben, die einerseits zum großen Erfolg für GMD Marc Piollet und sein Orchester wurde, andererseits aber ein ärgerlicher Eiertanz des Regie führenden Intendanten Manfred Beilharz.
Alles, was in seiner Wiesbadener Inszenierung über ein solides Arrangement hinausgeht – Salome wird von Jochanaan rythmisch getauft, der Prophet wird aus der Zisterne meterhoch in die Haltung des Gekreuzigten gezogen, der Tanz der sieben Schleier endet mit geldwerfenden Juden, das Finale kulminiert in einem gezückten Metzgersmesser – ist quasi eins zu eins aus der Produktion von Carlos Wagner 2005 in Montpellier übernommen. Und da im Internet zahlreiche Bilder und Videos aus Montpellier jederzeit zugänglich sind, konnte dies nicht verborgen bleiben.
Die Zeitungen wetterten, nur ein einziger publizierender Zeitgenosse raffte sich auf, die offensichtliche Selbstbedienung als erfreuliche «Weiterentwicklung von Inszenierungstendenzen» zu verbrämen. Und – was die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Diese Inszenierung ist ein Paradoxon: Sie aktualisiert, und zwar nachdrücklich – doch nicht, um die Handlung uns Zeitgenossen näher zu bringen und dadurch fasslicher zu machen. Ganz im Gegenteil: Es ist die erklärte Absicht des Regisseurs Dmitri Tcherniakov, die Titelfigur fremd, ihr Handeln unbegreiflich erscheinen zu lassen. Bei Schostakowitsch ist diese...
Erstaunlich ist es schon. Da ist, seit nunmehr sechzig Jahren, ein Werk in der Welt, das zu den tiefgründigsten, vielschichtigsten, erschütterndsten Zeugnissen seines Jahrhunderts zählt, und doch erklingt es auf den Opernbühnen selten nur. Ein Grund für das mangelnde Interesse an Dallapiccolas «Il prigioniero» liegt womöglich in der Schwierigkeit, ein passendes...
Über die szenische Einrichtung geistlicher Werke lässt sich trefflich streiten. Was haben ein Requiem, ein Stabat mater, ein Oratorium auf der Tanz- oder Opernbühne zu suchen? Ging es Bach, Händel, Mozart, Mendelssohn – bei allen Unterschieden im musikalisch-theologischen Selbstverständnis und in den historischen Parametern – nicht primär um die Verkündigung...
