Absurder Aberwitz
«Der Türke in Italien» – der Titel führt ein wenig in die Irre. Denn die Fremdheit des Protagonisten ist reine Behauptung und findet nicht einmal musikalischen Niederschlag. Dieser Selim ist eigentlich ein unbeschriebenes Blatt: die ideale Projektionsfläche für Wünsche und Fantasien. Regisseur David Hermann zieht daraus einen naheliegenden und doch verblüffenden Schluss: Selim ist bei ihm der Held eines Bollywood-Melodrams: Er landet nicht mit einem Schiff, sondern er steigt aus einem Filmplakat – das plötzlich ebenso lebendig wird wie Graffiti an den Mauern.
Da ist zum Beispiel eine kurvenreiche Diva aufgesprayt, die plötzlich als Donna Fiorilla leibhaftig vor uns steht, da gibt es Comic-Geschöpfe, die in Bewegung geraten und als wildbewegter Zeichentrick die Kampf- und Rachefantasien der Figuren in effigie ausagieren – die Situationskomik der Aufführung verdankt sich nicht zuletzt Martin Eidenbergers Videos.
An der Nederlandse Opera in Amsterdam erzählt David Hermann die Geschichte um den attraktiven Fremden und die lebenshungrige Fiorilla, die um seinetwillen nicht nur ihren ältlichen Ehemann Geronio, sondern auch noch den Liebhaber Narciso abserviert, mit aller komödiantischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2012
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Ingo Dorfmüller
Irgendwann war da nur noch die Angst. Wenn René Voßkühler auf die Bühne musste, folgte sie ihm. Wie ein Raubtier, das jeden Moment zum Sprung ansetzen konnte. Diese Panik vor dem Überfall war das Schlimmste. Vor einer Attacke aus dem Hinterhalt. Ein permanenter Alptraum, der ihm die Kehle abschnürte. Über jedem Auftritt stand die unausgesprochene Frage: Was ist,...
«The Show must go on! Inside my heart is breaking, my make-up may be flaking, but my smile, still, stays on!» Der Refrain des Songs, mit dem der bereits schwerkranke Freddy Mercury einen letzten Hit landete, klingt verdächtig nach dem «Vesti la giubba» Canios. An der Wiener Volksoper steht Leoncavallos «Bajazzo» gerade auf dem Programm, für einmal nicht mit...
Oper – ein elitäres Unternehmen? Aber, nein! Den Beweis trat jetzt das Theater Bremen an mit der Uraufführung des Auftragswerkes «All diese Tage», einer «Zeitoper» von Moritz Eggert. In dem Stück geht es um Alltagsgeschichten. Die Librettistin Andrea Heuser hat sie aus Gesprächen herausdestilliert, die sie mit Bremer Jugendlichen führte – um mehr zu erfahren über...
