Subjektives Espressivo

Rare Film- und Tondokumente erinnern an den Dirigenten Karl Richter und seinen Münchner Bach-Chor

Opernwelt - Logo

Karl Richter wuchs in der sächsischen Kantorentradition auf, übte auf Silbermanns Freiberger Domorgel, wurde noch von Karl Straube als Schüler angenommen und als ganz junger Mann Organist an der Leipziger Thomaskirche. Karriere macht er in München, wo er sich an der Markuskirche einen eigenen Bach-Chor aufbaute und im katholischen Bayern ein Stück protestantische Kirchenmusik als lebendige Tradition vermittelte. Richter wurde zum Plattenstar. Er tourte weltweit auch als Cembalist und Organist. In Bachs Reich gab es keine Götter neben ihm.

Doch als er an seinem zweiten Herz­infarkt im Alter von vierundfünfzig Jahren starb, traten viele Propheten auf den Plan. Ein Bach-Dirigent, der Knappertsbusch bewundert hatte, musste zwangsläufig und schnell von der Originalklangwelle begraben werden. Die Passionsaufführungen wurden kürzer, die Chöre kleiner, die Instrumente älter. Richter war plötzlich persona non grata. Man rümpfte öffentlich die Nase über sein subjektivistisches Espressivo, große Chorbesetzungen und die h-moll Messe als Monumentalgemälde samt Trompetengeschmetter. Doch auch diese Zeiten sind inzwischen vorbei. Für heutige Ohren bleibt Karl Richter verbunden mit einem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2007
Rubrik: DVDs, Seite 53
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zu kurz gegriffen

Was immer man gegen Kirsten Harms, die viel gescholtene Intendantin der Deutschen Oper Berlin, sagen kann: ­Eines sollte man im Auge behalten. Die Deutsche Oper macht einen mutigen und eigenwilligen Spielplan. Wo andere Häuser auf den Barockzug aufspringen, längst entdeckte Meisterwerke «wiederentdecken» oder durch Kompositionsaufträge versuchen, historisch...

Logenplatz für die Kleinen

Blättert man die aktuellen Monatsblätter deutschsprachiger Bühnen durch, drängt sich der Eindruck auf, dass die Kleinen inzwischen die Größten sind. Kein Haus, das es sich noch leisten könnte, den minderjährigen Nachwuchs bei der Programmgestaltung zu übergehen. Und die ­Angebotspalette ist so farbig wie bei den «Alten» – sie reicht von Bearbeitungen bekannter...

Clash der Kulturen

Ich bin sicher», so Hector Berlioz 1861 nach Abschluss der Komposition seiner monumentalen Oper «Les Troyens», «dass ich ein großes Werk geschaffen habe, größer und erhabener als alles, was bis heute geschrieben wurde.» Die Mit- und Nachwelt war anderer Meinung, und so vergingen nach dem Tod von Berlioz genau hundert Jahre, bis «Die Trojaner» endlich ungekürzt zur...