Wir sind Neustarter

Mehr als 600 Privattheater haben bereits Förderung aus dem Programm „Neustart Kultur“ für pandemiebedingte Investitionen erhalten. In loser Folge stellen wir sie in der BTR vor – dieses Mal widmen wir uns einigen Theatern, die im Sommer 2021 auf Außenbühnen spielen und damit zum Teil schon begonnen haben. Neustart Kultur ist übrigens in eine zweite Runde gegangen: Derzeit ist die Antragstellung wieder möglich.

Bühnentechnische Rundschau

Die Deutsche Theatertechnische Gesellschaft (DTHG) betreut seit Juli 2020 die Privattheater, die über „Neustart Kultur“ Unterstützung beantragt haben (BTR 1/2021). Seit dem 1. Juni 2021 ist das Programm in eine neue Vergaberunde gestartet: Theater, Festspielhäuser, Kleinkunstbühnen, Varieté-Theater und Theaterfestivals können dank Aufstockung der Fördermittel seitens der BKM zu den gleichen Bedingungen wieder Anträge stellen. Die Antragsfrist läuft bis Herbst 2021. Pro Antragsteller können Mittel von 5000 bis 100.000 Euro vergeben werden.

Das gesamte Fördervolumen des Programms umfasst 55 Millionen Euro. Alle wichtigen Informationen sind auf der Website www.dthg.de/foerderung/neustartkultur/zu finden. Zu den Antragstellern der ersten Runde gehören auch die im Folgenden vorgestellten Spielstätten, die vielfältiges Open-Air-Theater bieten. Darunter befinden sich sowohl bundesweit bekannte große Freilichtbühnen als auch kleinere, regionale Festivals sowie ein Veranstalter, der mit originellen Konzepten und alternativen Angeboten einen Weg gefunden hat, auch in der Pandemiezeit präsent zu sein.

Waldbühne Benneckenstein, Kulturrevier Harz e. V.: Festival Theaternatur 
Vom 6. bis zum 22. August 2021 findet auf der Waldbühne Benneckenstein im Oberharz und an einigen benachbarten Aufführungsorten das Festival Theaternatur statt. Es wird vom Kulturrevier Harz e. V. veranstaltet. Das diesjährige Festivalmotto lautet „Que(e)r durch den Wald“. Das Programm beinhaltet Inszenierungen aller darstellenden Künste, die sich mit Geschlechterfragen und den damit verbundenen Lebens- und Empfindungsweisen sowie Akzeptanz und Toleranz beschäftigen. Es gilt, Positionen und Meinungen zu veranschaulichen und innere Grenzen zu öffnen. Wie könnte dies besser gelingen als spielerisch, bunt und gewürzt mit einer guten Prise (manchmal auch schwarzem) Humor? Die Waldbühne Benneckenstein liegt idyllisch im Wald, in einem Kilometer Entfernung zum Ortsteil Benneckenstein der Stadt Oberharz am Brocken, die seit 2015 anerkannter Erholungsort ist. Die Spielstätte besteht als Freilichttheater mit etwa 400 Sitzplätzen bereits seit dem Jahr 1952. Bis in die 80er-Jahre wurde sie regelmäßig genutzt, verlor dann jedoch an Bedeutung, bevor sie 2014 vom Verein Kulturrevier Harz e. V. übernommen wurde. Seit 2015 findet das Festival Theaternatur jährlich statt und präsentiert eine große Vielfalt an Eigenproduktionen: Schauspiel, Musiktheater, Kindertheater, Konzerte und Lesungen. Nachdem im Jahr 2018 zusätzlich zu der Hauptbühne (13 x 12 m) eine zusätzliche Spielstätte für kleinere Veranstaltungen (5x4m) errichtet wurde, steht ab 2021 auch das sogenannte Wald|Studio für kleine Produktionen zur Verfügung. Im Rahmen von Neustart Kultur wurde die Infrastruktur des Geländes professionalisiert, sodass sie auch den coronabedingten Auflagen entspricht. Drei neu angeschaffte Seecontainer dienen nun als tierte der Verein in Veranstaltungstechnik, die es ermöglicht, dass die Waldbühne über den bisherigen Festivalzeitraum hinaus auch von Gastensembles ganzjährig bespielt werden kann.
www.theaternatur.de

Rantastic Livebühnen und Eventlocation GmbH: alternative Formate in Pandemiezeiten
Die Rantastic GmbH ist eine bedeutende Institution im kulturellen Leben der Region Baden-Baden. Sie betreibt je eine Open-Air-Livebühne in Baden-Baden und im zehn Kilometer entfernten Gaggenau sowie fünf weitere Event-Locations für kleinere Formate. Bisher richtete das Unternehmen jährlich rund 200 Kulturveranstaltungen aus, darunter Schauspiel, Kabarett und Comedy, Diskussionen und Lesungen zu gesellschaftspolitischen Themen sowie Programm- und Arthouse-Kino. Auch in der Pandemiezeit hat die Rantastic GmbH versucht, trotz eingeschränkter Möglichkeiten zumindest kleine Vor-Ort-Angebote zu schaffen. Es gab einen Weihnachts- und einen Ostermarkt auf der Festivalfläche in Baden-Baden, woraus sich inzwischen ein von den Veranstaltern organisierter Wochenmarkt entwickelt hat. Seit dem 30. Juni wird der mittwochs stattfindende Markt um ein Konzert am Abend ergänzt, dessen Besuch kostenlos ist. Für den August ist Sommerkino in einem neu errichteten Amphitheater geplant, wobei der neu erworbene Kinoprojektor (s. u.) zum Einsatz kommen wird. 

Mit Unterstützung durch Neustart-Kultur-Fördermittel investierte die Rantastic GmbH zunächst in bessere Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter/-innen. Eine neue Bürofläche wurde geschaffen, zwei bereits bestehende Büros wurden mit Klima- und Frischluftanlagen ausgestattet. Mit Maßnahmen der Digitalisierung von Geschäftsabläufen und Einrichtung von Homeoffice-Arbeitsplätzen wurde die Verwaltung modernisiert und eine Infrastruktur auch für regelmäßige Social-Media-Beiträge geschaffen. Der Verbesserung der Besuchersicherheit hinsichtlich Hygieneaspekten dienen die Einrichtung von Trennvorrichtungen, Wegeleitsystemen, Desinfektionsinseln und die Optimierung der sanitären Anlagen. Um steigenden technischen Ansprüchen moderner Veranstaltungsformate gerecht zu werden, wurde auch in Veranstaltungstechnik investiert: Die Rantastic GmbH erhielt neue, leistungsfähigere Projektoren, mobile Leinwände und Beleuchtungstechnik.
www.rantastic.com

Festspiele Schloss Neersen: „jetzt erst recht“
Die Schlossfestspiele Neersen gehören zu den größten klassischen Theaterfestspielen in Nordrhein-Westfalen. Seit dem Jahr 1984 finden sie jährlich im Sommer in dem zur Stadt Willich gehörenden Ortsteil Neersen statt. Veranstaltungsort ist Schloss Neersen, ein dreiflügeliges, barockes Schloss, das in den 1660er-Jahren auf den Fundamenten einer ehemaligen Wasserburg gebaut wurde. Nachdem die Schlossfestspiele 2020 pandemiebedingt ausfallen mussten, finden sie nun unter dem Zusatzmotto „jetzt erst recht“ vom 6. Juni bis zum 15. August 2021 zum 38. Mal statt. Auf dem Spielplan stehen das Kinderstück „Doktor Dolittle und seine Tiere“ inszeniert von Sven Post sowie „Floh im Ohr“ und „Ein Sommernachtstraum“ unter der Regie von Jan Bodinus, der seit 2015 als Intendant die Schlossfestspiele leitet. Aufgrund der Corona-Schutzverordnung können nur 248 der 490 Sitzplätze auf der Freilichttribüne besetzt werden (Stand Juni 2021). Zum Ausgleich wurde die Anzahl der Veranstaltungstermine erhöht. „Wir setzen alles daran, dass wir dieses Jahr spielen können“, sagte die Vorstandsvorsitzende Sabine Mroch bei der Auftaktpressekonferenz am 30. April 2021. „Es ist wie eine mathematische Gleichung mit Unbekannten. Wir sind fest entschlossen, alles, was wir dürfen und können, zu tun.“ Jedes Szenario zwischen 0 und 490 Zuschauern vor Ort sei möglich und durchgeplant, denn zusätzlich zu den Live-Aufführungen wird es die Stücke „Floh im Ohr“ und „Dr. Dolittle und seine Tiere“ auch als Streamingangebote geben. Neben den oben genannten Stücken auf der Freilichtbühne finden einige weitere Veranstaltungen im Ratssaal des Schlosses statt, darunter Pierre Sanoussi-Bliss’ Inszenierung der Komödie „Miss Daisy und ihr Chauffeur“.

Für die Durchführung der Festspiele wurde ein detailliertes Hygienekonzept erstellt, das den jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden kann. Zu den mit BKM-Fördermitteln umgesetzten Neuerungen gehören die Anschaffung von einem fest installierten und sechs mobilen Luftreinhaltungsgeräten, die in den Publikumsbereichen, aber auch in den Probenräumen, Büros, Garderoben, der Maske und der Schneiderei positioniert werden können. Außerdem investierten die Festspiele in Hygienemittel und Besucherinformations- und -leitsysteme.
www.festspiele-neersen.de

Bad Hersfelder Festspiele: Neustart mit zwei Uraufführungen 
Am ersten 1. Juli 2021 werden die 70. Bad Hersfelder Festspiele eröffnet und bieten bis zum 7. August ein Programm mit über 70 Aufführungen. Die Stiftsruine in der osthessischen Festspielstadt ist die größte romanische Kirchenruine der Welt. In und auf den Gemäuern werden die Bühne sowie die Zuschauertribüne errichtet und aus Denkmalschutzgründen anschließend jedes Jahr wieder abgebaut. In der Jubiläumsspielzeit stehen zwei Uraufführungen auf dem Programm. Zum ersten Mal wird in Europa „Der Club der toten Dichter“ nach dem Drehbuch von Tom Schulmann auf einer Bühne gezeigt, unter der Regie von Joern Hinkel, dem Intendanten der Festspiele. Auch das Musical „Goethe!“, inszeniert von Gil Mehmert, ist eine Uraufführung. Als Familienstück wird „Momo“ (Regie: Georg Büttel) nach dem weltbekannten Jugendbuch von Michael Ende präsentiert. Die Freiluftbedingungen sind in Coronazeiten von Vorteil. Die ca. 1400 m2 große Bühne ist nicht überdacht. Über der Zuschauer-Tribüne mit ihren bis zu 1300 Plätzen, von denen in diesem Jahr ca. 600 besetzt werden dürfen, wird das von dem Architekten Frei Otto konstruierte mobile Dach aufgespannt, wenn es regnet (BTR 5/2019). Um die Besuchersicherheit zu optimieren, wurde mit Mitteln aus dem Programm Neustart Kultur die Besuchersteuerung verbessert und angepasst. Neben der Umstrukturierung der Einlasskontrollen und der Wegeführung dienen nun auch LED-Displays und drahtlose Lautsprecherboxen der Besucherinformation. Der Fokus der Schutzmaßnahmen war auch stark auf den Backstage-Bereich gerichtet, denn in den historischen Gebäuden ist die Lüftung nicht optimal und die Möglichkeiten, Abstand zu halten, sind begrenzt. Zahlreiche mobile Wände sorgen nun zum Beispiel für mehr Sicherheit für die Orchestermusiker oder trennen Büroarbeitsplätze voneinander. Zudem wurden Luftreinigungsgeräte für die Räume der Gewerke und die Probenräume angeschafft und die Sanitärbereiche erweitert. Die Maßnahmen werden durch eine digitale Mitarbeitererfassung an allen Proben- und Betriebsstätten abgerundet.
www.bad-hersfelder-festspiele.de

Burgfestspiele Bad Vilbel: komfortables Open-Air-Theater für alle Generationen
Im Jahr 2021 finden die Burgfestspiele Bad Vilbel zum 35. Mal statt. Die Festspiele in der auch für ihre Mineralquellen bekannten Stadt nördlich von Frankfurt zählen mit – bis zur Corona-Pandemie – kontinuierlich über 100.000 Zuschauern pro Spielzeit zu den renommiertesten Freilichtbühnen Deutschlands und sind die besucherstärksten Festspiele in Hessen. Im Zentrum der Aufführungen in der Vilbeler Wasserburg, einer denkmalgeschützten Ruine, stehen eigene Produktionen mit professionellen Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum. Die Festspiele begannen bereits im Mai und umfassen rund 160 Vorstellungen bis September: Schauspiel und Musiktheater, Theater für Kinder sowie literarische und musikalische Gastspiele von a cappella über Kabarett bis Klassik. Darunter befinden sich sechs Eigenproduktionen, davon zwei Kinder- bzw. Familienstücke. Das Engagement für Kinder ist nicht nur in Form entsprechender Theaterstücke ein zentraler Baustein der Burgfestspiele Bad Vilbel. Darüber hinaus bieten die Veranstalter als eine von der Kommune getragene Kulturinstitution ein ganzjähriges theaterpädagogisches Begleitprogramm an und kooperieren mit vielen Partnern, um Projekte zur kulturellen Erziehung durchzuführen. Der Ganzjahresbetrieb erstreckt sich auch auf die Werkstätten, in denen mit eigenem Personal alle Bühnenbilder und Kostüme hergestellt werden. Die Burgfestspiele sind dafür bekannt, dass sie auf dem Gelände der mittelalterlichen Burg ein ansprechendes Ambiente bieten, auch für das Flanieren und Einnehmen von Speisen und Getränken vor der Vorstellung. Die Veranstaltungsstätte ist gut ausgeleuchtet und die Zuschauer sind auf der Tribüne vor Regen geschützt. Hierfür sorgen fest im Boden verankerte Schirme, die mit Beleuchtung und integrierter Heizung ausgestattet sind. Aufgrund der coronabedingten Auflagen investierten die Burgfestspiele mit Unterstützung von Neustart Kultur in Maßnahmen, die das Abstandhalten auf dem Gelände erleichtern, ohne den Besucherkomfort zu mindern. Die Fläche des Festspielgeländes wurde vergrößert. Für die Tribüne schafften die Veranstalter sowohl zusätzliche Schirme als auch Plexiglastrennwände an. Die Tontechnik wurde aufgrund der durch die Einbauten veränderten akustischen Bedingungen neu justiert. Zelte vor den WC-Anlagen und dem Kartenbüro ermöglichen auch bei schlechtem Wetter das Anstehen mit Abstand. Außerdem wurden die Infrastruktur-Räume der Festspiele und die sieben über die Stadt verteilten Probenorte mit Luftfiltern und CO2-Messgeräten ausgestattet.
www.kultur-bad-vilbel.de/burgfestspiele

Weitere Infos rund um Neustart Kultur sowie Porträts der geförderten Institutionen gibt es auf www.dthg.de/foerderung/neustartkultur/ oder auch über den dort zu abonnierenden Newsletter. Er informiert wöchentlich über alle neuen Entwicklungen der von der DTHG verwalteten Förderprogramme und enthält weitere Porträts von „Neustartern“.


BTR Ausgabe 3 2021
Rubrik: Produktionen, Seite 20
von Juliane Schmidt-Sodingen

Weitere Beiträge
Einstürzende Marmorfronten

Staub, Qualm und Schotter: Im entscheidenden Moment erfolgt ein kontrollierter Zusammenbruch des Bühnenbilds. „Room with a view“ des Ballet national de Marseille spielt in einem Marmorsteinbruch bzw. der Nachbildung eines solchen. Es ist ein Tanzstück zu Techno-Musik, live auf der Bühne gemixt von Rone, einem internationalen Star des Genres. Er ist der Guru und Hirte, der „seinen“ 18...

Multimediale Aktionen im urbanen Raum

Im Frühsommer 2020 verband uns vier von UrbanProjection die Frage: Wie können wir ein hygieneregelkonformes Veranstaltungsformat entwickeln, das die aktuelle Situation wie auch Problematik vieler Kreativer und anderer Betroffener abbildet? In dieser Zeit wurden die Lücken, die durch die Folgen der Pandemie gerissen wurden, immer deutlicher und die Auswirkungen spürbarer. Die Stadt...

Virtuelle Konzerte in Stereo-Qualität

Es wirkt fast so, als hätte Enno Bunger das Lied eigens für diesen Anlass geschrieben: „Niemand hier kann dich retten, niemand außer dir selbst. Niemand hier kann dich retten, sei dein eigener Held“, singt der 34-Jährige in dem Stück „Niemand wird dich retten“. Es ist Teil seines Albums „Was berührt, das bleibt“, das der Musiker im Juli 2019 veröffentlicht hat. Der Text des Songs bezieht...