„Nachhaltigkeit als neues Normal“
Kunst ist schön, macht aber Arbeit – wenn sie nachhaltig sein soll –, so könnte man das Karl Valentin zugeschriebene Zitat ergänzen. Als Mitbegründerin des Netzwerks „Performing for Future“ möchte Konstanze Grotkopp die Theater- und Kulturinstitutionen überzeugen, dass Nachhaltigkeit machbar ist. Für die Produktion „Der Sturm. Die magische Insel“, die zurzeit an den Bühnen Hallen läuft, entwickelte sie aus Müll und Fundusbeständen eine neue Shakespeare-Welt.
Eva Geiler: Liebe Konstanze, auf deiner Website steht neben „Bühne + Kostüm“ genauso gleichwertig „Nachhaltige Kultur“. Warum sind diese Dinge von dir gleichwertig gesetzt?
Konstanze Grotkopp: Das ist eine schöne Frage. Während meiner ganzen beruflichen Laufbahn habe ich mich damit beschäftigt und dachte: Das ist so viel Material, mit dem man im Theater täglich umgeht, und das, wenn es abgespielt ist, auf der Rampe landet und in den Müllcontainern oder eben in den Lagern verstaubt. Während der Coronazeit gab es die glückliche Situation, dass mehrere Onlinetreffen zu Nachhaltigkeit in der Kultur oder am Theater im Speziellen initiiert wurden. Da habe ich mich in dieses Thema gestürzt und 2021 auch das Netzwerk „Performing for Future“ (https://performingforfuture.de) mitgegründet. Wir sind immer noch aktiv, aber auch wieder sehr eingenommen von unserer eigentlichen Arbeit. Einige von uns haben ihre Leidenschaft für die Nachhaltigkeit aber zu ihrem Hauptjob gemacht. Es liegt uns am Herzen, dieses Thema auf politischer Ebene weiterzutreiben, aber auch in den Köpfen der Mitarbeitenden. Dieses Engagement betrachten wir auch als aktivistischen Akt. Das beinhaltet zum Beispiel verschiedene Kunstaktionen oder eben auch die Vermittlung in Richtung Publikum, denn Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ein Ergebnis der gemeinsamen Arbeit im Netzwerk ist das „ManifÖST“ (Manifest für eine ökologisch-soziale Transformation in den darstellenden Künsten). Als Forderungskatalog ist das sehr weitreichend an die Politik und an Theaterschaffende gerichtet. Persönlich beschäftigte ich mich hauptsächlich mit dem Material. Ich wollte herausfinden, wie man das in einen Kreislauf überführen kann, wie man es besser verwerten kann. Welche Voraussetzungen braucht es dafür? Wenn man von Materialkreislauf spricht, muss das Planen dieses Kreislaufs sehr früh anfangen – eigentlich schon vor der Vertragsunterzeichnung. Schon hier müsste man gemeinsame Ziele vereinbaren.
Was sind das für Ziele, wenn man nachhaltiger arbeiten möchte?
Das kann zum Beispiel das Ermöglichen einer nachhaltigen Anreise zu einer Site-specific-Performance sein, ein Begleitprogramm für das Publikum, eine prozentual festgelegte Fundusnutzung, das Austesten neuer nachhaltiger Materialien oder eine modulare Bauweise. Was passiert „Danach“ mit dem Material? Können wir mit anderen Institutionen in der Stadt zusammenarbeiten? Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, aber diese müssen eigentlich vor der Entwurfsarbeit überprüft und festgelegt werden. Dabei finde ich den persönlichen Kontakt sehr wichtig, dass Menschen vom künstlerischen Team und Menschen aus dem Haus zusammenkommen. Das kommt oft zu kurz und dann ist die Entwurfsarbeit schon passiert und man stellt zum Beispiel fest: Ach so, dieser Entwurf entspricht keinem Standardmaß, daher können wir ihn ja gar nicht aus Podesten umsetzen. Wir müssen also wieder einen Spezialbau machen.
Hast du schon positive Beispiele in deiner Arbeit, bei denen du sagen würdest, hier ist es mir schon mal gelungen, möglichst viel von diesen Ansätzen mit einzubringen?
Schon vor meiner Zeit im Netzwerk war das zum Beispiel eine Produktion in Dresden am TJG („Der Junge mit dem Koffer“, 2017). Da haben wir mehrere 100 Kilogramm Secondhand-Klamotten auf die Bühne geschüttet. Dafür arbeiteten wir mit einer Organisation zusammen, die sich mit der Verwertung von Secondhand-Sachen beschäftigt. Das sind große Betriebe, die Tausende von Kilos umsetzen. Dort hatten wir das geliehen und nach der Produktion wieder zurückgegeben. In der freien Szene ist es so, dass man oft mit weniger Material arbeitet und es zum Beispiel von Material-Initiativen leiht. In Dresden mache ich das gerne für meine Tanzproduktionen mit Anna Till, da gibt es gleich zwei superprofessionelle Material-Initiativen. So vorzugehen ist aber, vor allem am Stadttheater, gar nicht so einfach. Eine Vorgabe, die immer beachtet werden muss, ist die Brandschutzklasse B1. Oft ist es bei gebrauchten Materialien nicht möglich, diese nachzuweisen oder sie sind erst gar nicht B1. Dann muss man wieder neu kaufen oder chemisch nachbehandeln. Das sollte in seiner Härte mal überdacht werden, zumal die Brandgefahr durch die Nutzung von LED-Scheinwerfern sicherlich mittlerweile geringer ist. Ein weiterer Ansatz, den ich schon umsetzen konnte, war 2019 ein Bühnenbild für vier Produktionen – wieder im tjg. Es gab zwei Regisseure für vier Stücke und die Vorgabe, dass alles in einem Raum spielbar ist und schnell umgebaut werden kann. Bei jedem Stück gab es Variablen, sie waren also nicht identisch, aber grundsätzlich ist aus ökologisch (und ökonomisch) nachhaltiger Sicht schon denkbar, Bühnenbilder für mehrere Produktionen zu nutzen.
Die Arbeitsprozesse im Stadttheater sind ja wahnsinnig eng getaktet: Siehst du, seht ihr vielleicht auch im Netzwerk, die Möglichkeit, etwas Luft an diese Struktur zu lassen, Raum zu schaffen?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt, weil die geschilderte Arbeitsweise dafür eigentlich zu kurzfristig ist: Da ist die Abgabe und dann stellt die Werkstatt fest: Wenn wir das aus dem Fundus nehmen, müssen wir das ja alles auseinander fummeln. Da müssen wir ja die drei alten Latten wieder neu verschrauben. Es ist viel mehr Denkarbeit und viel mehr Recherchearbeit, aus benutzten Materialien Dinge herzustellen, als bei der Fließbandarbeit, die Werkstätten ja oft leisten, zu bleiben. Für eine alternative Herstellungsweise brauchen die Werkstätten eigentlich mehr Zeit. Wir stehen sehr dafür ein, dass man die ganzen Produktionsabläufe entzerrt. Dass man sich nicht den großen Druck macht, superviele Premieren rauszuhauen. Ich höre immer: „Wir haben keine Zeit, uns auch noch mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen.“ Das wird oft als Mehrarbeit verstanden. Es wäre natürlich das Ziel, das als neues Normal zu etablieren. Es sollte normal sein, erst mal zu gucken, was im Fundus gelagert ist. Dafür muss man natürlich auch Datenbanken haben, die das erfassen. Das ist alles aufwendig und braucht vor allem Personal und Logistik. In der freien Szene werden zum Beispiel Proben entzerrt. Im Tanz gibt es das oft, dass man Blöcke hat. Man probt zwei Wochen, macht einen längeren Zeitraum Pause und probt noch einmal. Das finde ich sehr dankbar, man kann erst mal reinfühlen: Was ist das? Was machen wir da eigentlich? Dann kann man besser reagieren und auch wirklich nur das anschaffen, bauen oder kaufen, was man braucht.
Du hast dich zur Transformationsmanagerin ausbilden lassen. Wenn jetzt eine Intendanz auf dich zukommt und sagt: „Wir würden total gern so arbeiten, aber wir wissen einfach nicht wie.“ Wie würdest du ihn raten zu starten?
Man muss nicht immer das Rad neu erfinden. Es gibt zum Beispiel Häuser, die schon Nachhaltigkeitskonzepte haben. Die kann man sich angucken. Und es gibt ganz viele Leitfäden dazu, wie man nachhaltiger arbeitet. Da haben wir vom Netzwerk auch im „Wiki zu Theater und Nachhaltigkeit“ schon ziemlich viel gesammelt (https://theaternachhaltig.miraheze.org/wiki/Hauptseite). Wir haben gemerkt, dass es so viel Wissen gibt, aber jeder fängt trotzdem wieder von vorne an. Aber das muss man gar nicht. Es zählen natürlich auch die kleinen Schritte: Es gibt zum Beispiel vom Bundesverband Freie darstellende Künste (BFDK) den Eco-Rider. Da sind niedrigschwellige Punkte aufgelistet, zu denen es einen QR-Code gibt, wo man sich noch weiter informieren kann. Manche Dinge scheinen einfach, wie auf Ökostrom umstellen, aber bei den festen Häusern ist das nicht immer leicht, weil sie meistens mit der Stadt zusammenhängen. Es gibt eine große Palette an Maßnahmen, die man einfach durchsetzen kann. Neu ist – auch vom BFDK – das Toolkit „Nachhaltig produzieren“ (https://nachhaltig.darstellende-kuenste.de). Das sind verschiedene Checklisten für Einzelakteur:innen, Kollektive, Festivals oder Spielstätten. Wichtig ist, einfach anzufangen und nicht so viel drüber nachzudenken. In so einem großen Betrieb finde ich es persönlich enorm wichtig, die Leute mit reinzuholen. Es nützt nichts, wenn ich versuche, eine Mülltrennung zu etablieren, und alle schmeißen trotzdem den Müll in alle Behälter. Man sollte die Mitarbeitenden mit geeigneten Veranstaltungen mit ins Boot zu holen. Schon um erst mal rauszukriegen, wie es ihnen damit geht und wo sie Bedenken haben.
Erst mal kleine Schritte machen, bevor man über Struktur nachdenkt und dann vielleicht sagt: Ach, schaffen wir gerade nicht.
Genau, wenn man sich alles auf einmal vornimmt, ist die Aufgabe immer zu groß. Man kann wirklich einfach gucken und die Dinge nach und nach bearbeiten. Natürlich ist es am besten, dafür eine Stelle zu haben, eine:n Nachhaltigkeitsbeauftragte:n, die oder der sich um solche Sachen besser kümmern kann. Diese nebenbei zu bearbeiten, ist am Theater natürlich illusorisch. Das haben viele Nachhaltigkeits-AGs versucht, aber oft scheitern sie daran, dass es zu viel Arbeit ist und dass diese Arbeit nicht „von oben“ gestützt wird. Es ist bei so einer großen Umstellung essenziell, dass die Leitung mitmacht, dass sie auch „nach unten“ vermittelt und die Arbeit der AGs oder Nachhaltigkeitsbeauftragten wertschätzt und unterstützt.
Für „Der Sturm“ bist du für Kostüme und Bühnenbild verantwortlich und hast zum großen Teil mit recycelten Materialien gearbeitet. Warum passt denn ein Kleid wie das von Miranda aus Plastikresten zu William Shakespeares Stück oder zu eurer Fassung?
Die Fassung der Regisseurin Katharina Brankatschk beruht auf der These, dass das Patriarchat die Welt gegen die Wand gefahren hat. So könnte diese Insel, auf die es Prospero mit seiner Tochter Miranda verschlagen hat, möglicherweise eine Müllinsel sein, eine dystopisch zerstörte Welt aus Müll. Und aus diesem Müll lässt man eine neue Welt entstehen. Das habe ich relativ eins zu eins aufgegriffen und versucht, alle Ausstattungselemente aus Müll zu definieren, mit dem man umgehen muss, weil dieser Müll das Einzige ist, was vorhanden ist. Und daraus ergaben sich fantastische Elemente, Sachen, die so nicht existieren. Es gab aber auch historische Komponenten in den Silhouetten. Mit Versatzstücken aus dem Fundus wollte ich die Shakespeare-Welt mit reinbringen. Manchmal entsteht ja durch die Distanz, die eine artifizielle Art der Ausstattung mit sich bringt, wieder eine Annäherung an eine aktuelle Problemstellung. Die Zuschauenden fragen sich: Warum haben die Müllkostüme an? Das ist ja schrecklich. In dieser Welt möchte ich nicht leben.
Wo startest du die Suche nach deinen Materialien?
Ein großer Bezugspunkt bei der Inszenierung war „Mad Max: Fury Road“, also einfach ein verrückter Film. Letztendlich stellt er sich sogar als in Teilen feministisch heraus, was man gar nicht erwartet. Solche fantastischen Welten habe ich untersucht, um zu gucken, wie man dieses Historische aufbrechen und verfremden kann. Ich war frühzeitig im Fundus und hatte dort einige Sachen gefunden. Und dann weiß ich, dass mich bestimmte Folien, bestimmte Gazen oder bestimmte Materialien interessieren oder eben diese Knisterfolie von Mirandas Kleid. Ich wusste, das kann ein spannendes Material sein.
Gibt es etwas, auf das man bei der Verarbeitung solcher Materialien achten muss? Was sagt die Schneiderei, wenn du mit einem Berg aus Tütenresten ankommst?
Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar, dass sie so mutig waren, diese Herausforderung anzunehmen und die Entwürfe umzusetzen. Sie hatten wirklich Respekt vor diesen Materialien. Wir mussten Stück für Stück rausfinden, wie man die am besten verarbeitet. Dass zum Beispiel die Folien, die wir für den Müllsack-Rock von Ariel verwendet haben, leicht einreißen können. Da wurden die Nähte, die eine Sollbruchstelle bilden, nach dem Nähen noch mal mit Klebeband überklebt. Oder wir haben mit Kabelbindern auf einem Krinolinen-Band gearbeitet. Man kombiniert einfach die Sachen. Ich habe auch oft selbst mit Hand angelegt, weil das viel Bastelarbeit war. Zum Beispiel dieser große Mantel von Caliban, auf dem viel Müll appliziert wurde. Diese Aufgabe traut man sich ja kaum einer Schneiderin zu geben. Es hat aber Spaß gemacht, sich damit zu beschäftigen und zu untersuchen, wie man damit umgeht. Ich gehe dann von der Form aus: Was möchte ich für eine Silhouette? Und dann gucke ich, wie man das bauen kann.
Angenommen, du hättest jetzt ideale Produktionsbedingungen und alle Zeit. Woraus würdest du gerne eine Bühnenwelt bauen? Gibt es eine Idee, eine Ausstattungsidee, die du gerne umsetzen oder einfach ausprobieren würdest?
Es wird ja viel an neuen Materialien geforscht, an ökologisch abbaubaren und nachhaltigen Materialien. So gibt es dieses spannende Pilzmyzel, was man in eine Form wachsen lassen oder aus dem man auch Platten herstellen kann. Das wurde auch schon für Theater genutzt (Anm. d. Red.: siehe BTR-Sonderband 2023). Das ist aber sehr aufwendig. Das müsste eigentlich auch wieder in einen industriellen Prozess gehen, damit man gut damit arbeiten kann und es nicht so kosten- und zeitintensiv ist. Aber mit solchen Materialien zu arbeiten, würde mich auf jeden Fall interessieren. Und eben nicht mit Plastik, was ja trotzdem in der Welt ist oder bleibt, sondern mit Materialien, die biologisch abbaubar sind.
In jeden Fall hoffe ich, du kannst diese Ideen weiter in der Praxis erproben und findest gute Begleitung, Menschen, die Lust haben da mitzugehen. Danke für das Gespräch.
Eva Geiler begleitet das neugegründete Junge Tanzhaus Berlin seit Oktober als Leitung der Öffentlichkeitsarbeit. Vorher arbeitete sie als Referentin der Künstlerischen Leitung am neuen theater & Thalia Theater Halle.
BTR Ausgabe 6 2025
Rubrik: Produktionen, Seite 38
von Eva Geiler
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