Für eine neue Ewigkeit

Nach 20 Jahren Planungs- und Bauzeit ist das nunmehr größte archäologische Museum der Welt, das Grand Egyptian Museum in Kairo, am 1. November 2025 offiziell eröffnet worden. Mit einem internationalen Expertenteam schuf das irische Büro heneghan peng architects einen aufsehenerregenden Ort der Begegnung mit der großen ägyptischen Geschichte

Bühnentechnische Rundschau - Logo

Als die Bilder vom neuen Grand Egyptian Museum nahe Kairo und den Pyramiden von Gizeh um die Welt gingen, war mein erster Impuls: „Nichts wie hin!“ Bereits seit Jugendzeiten hatte die erste Lektüre von „Götter, Gräber und Gelehrte“ des Forschers C. W. Ceram mein Interesse für den jung gestorbenen Pharao Tutanchamun geweckt, dessen mehr als 3000 Jahre alte Totenmaske zum Sinnbild der hochstehenden Zivilisation der Ägypter wurde.

Eine erste Begegnung damit ergab sich für mich in Berlin in den 1980er-Jahren, wo die Totenmaske mit dem goldenen verzierten Sarg und dem Thron sowie Grabbeigaben in einem temporär hergerichteten Museum ausgestellt wurde. Die zweite Begegnung vor 20 Jahren im Historischen Museum Kairo war wieder Ehrfurcht erweckend. Dort aber mussten sich die Kostbarkeiten aus dem 1917 entdeckten vollständig erhaltenen Grab den Platz mit zahllosen Zeugnissen aus der großen Zeit der Pharaonen in dem vollgepackten Museum teilen. Der Neubau war zu dieser Zeit gerade ausgeschrieben, aber niemand glaubte so recht daran, dass solch ein Großprojekt jemals gelingen könnte.

Ein langer Weg
Dass ein Neubau notwendig sei, daran bestand allerdings kein Zweifel. Von den kostbaren Schätzen aus den Grabfunden – sofern sie nicht von den damaligen Kolonialherren weggeschleppt oder von skrupellosen Geschäftsleuten auf mehr oder weniger seriöse Weise erworben wurden – konnte in dem 1900 erbauten Museum nur ein ganz kleiner Teil ausgestellt werden, und die Möglichkeiten zur Erforschung, Konservierung und fachgerechten Lagerung der Artefakte waren mehr als bescheiden. Das Museum war für 5000 Ausstellungsstücke geplant worden, zuletzt waren etwa 150.000 zu sehen. Bereits in den 1960er-Jahren entstanden Ideen für einen Neubau, aber bis zur Realisierung war es ein langer Weg. 2002 wurde vom ägyptischen Kulturministerium ein internationaler Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Das in Irland ansässige Büro heneghan peng architects konnte ihn 2003 für sich entscheiden. Es war der bislang größte Architekturwettbewerb der Welt für einen Neubau, der das größte archäologische Museum werden sollte. 1552 Entwürfe aus 82 Ländern wurden eingereicht. heneghan peng arbeitete bei dem Projekt mit einem internationalen Team von Architekten und Ingenieuren zusammen und gründete dazu ein Joint Venture mit Arup und Buro Happold für die Entwicklung des Entwurfs. Die Unternehmen Cultural Innovations und Metaphor kamen für museologische Dienstleistungen hinzu, das Bartenbach Lichtlabor für die Beleuchtung sowie West 8 für die Landschaftsgestaltung. Das in Stuttgart ansässige Atelier Brückner wurde 2016 mit der Gestaltung der sogenannten Tutankhamun Galleries, der „Grand Stairs“, des Atriums und des Kindermuseums beauftragt.

Bauprojekt mit Hindernissen
Das Museum liegt nur etwas mehr als 1,5 km von den Pyramiden von Gizeh entfernt und ist für die Unterbringung von 100.000 Artefakten ausgelegt. Die Finanzierung des ursprünglich mit 550 Millionen Euro veranschlagten Baus erfolgte durch das ägyptische Kulturministerium, dem „Supreme Council of Antiqutities“ sowie durch internationale Spenden. Zudem erhielt das Projekt einen Kredit in Höhe von 300 Millionen von der Japanischen Bank für internationale Zusammenarbeit. Durch den Arabischen Frühling ab 2010 und die daraus erwachsenen politischen Verwerfungen verzögerte und verteuerte sich der Bau, die Coronapandemie tat ein Übriges. Man entschied sich für eine Fertigstellung in Etappen, die ab 2023 erfolgte. Die offizielle feierliche Eröffnung des Gesamtprojekts mit internationalen Gästen – aus Deutschland reiste Bundespräsident Walter Steinmeier mit seiner Frau an – fand anlässlich der Fertigstellung der „Tutankhamun Galleries“ statt, die die Grabbeigaben sowie den Sarg und die Totenmaske des wohl berühmtesten Pharaos präsentieren. 

„Ein Museum dieser Größenordnung in unmittelbarer Nähe zu einem so monumentalen und symbolträchtigen Wahrzeichen wie den Pyramiden zu entwerfen, ist eine einmalige Chance“, sagte Róisín Heneghan, Gründungspartnerin von heneghan peng architects bei der Eröffnung. Die Architekten entwarfen das Museum in direktem Bezug zu den Pyramiden und schufen so eine Brücke zwischen Geschichte und Moderne. „Unser Entwurf soll die Verbindung zur Geschichte und der Umgebung stärken und den Objekten eine Heimat dort bieten, wo sie entstanden sind. Im Ergebnis entsteht ein Gefühl von Ehrfurcht angesichts der Tiefe und Breite der faszinierenden Geschichte das alten Ägyptens“, so Heneghan.

Historische Ortsbezüge
Die geologische Lage des Museums auf einem vor Tausenden von Jahren vom Nil geformten Wüstenplateau war ein wesentlicher Bestandteil des Entwurfs von heneghan peng. Ausgehend von einem Mittelpunkt außerhalb des Eingangs strahlt die Struktur des Museums entlang einer visuellen Achse aus, die direkt auf die drei Pyramiden ausgerichtet ist. Die markante, zickzackförmige Fassade nimmt Bezug auf den Verlauf des Nils. Die Innenwände folgen diesen radialen Linien und bilden eine fächerförmige Struktur. Das Dach führt an einer analogen Sichtlinie entlang und erreicht den höchsten Punkt der Pyramiden. „Dieser direkte Dialog zwischen dem Museum und den Pyramiden stärkt die Verbindung zum Ort und schafft eine unvergleichliche Aussicht, die die Pyramiden wie einen Teil des Museums selbst erscheinen lässt“, so Heneghan. Das gesamte Areal mit Außenanlagen beläuft sich auf eine Größe von 50 Hektar. Der Besuch beginnt in einem offenen Atrium in Form einer gläsernen Pyramide, das alle Bereiche des Museums miteinander verbindet. Zentraler Blickfang ist hier die mehr als 11 Meter hohe und 83 Tonnen schwere Statue Ramses II. Sie steht in einem Wasserbecken. Über eine 180 Meter lange dunkle Treppe, die mit großen Statuen bestückt sind, werden dann die Ausstellungsbereiche erschlossen. „Wie über Zeitstufen und vorbei an 90 Großskulpturen aus der gesamten Nilregion gelangt man hier bis zu einer riesigen Aussichtsplattform“, erläutert das Atelier Brückner.

Die große Treppe dient als chronologischer Weg, der die Besucher:innen durch die verschiedenen Galerien führt, beginnend mit der prädynastischen Zeit bis hin zur koptischen Ära. Die Dauerausstellungen wurden mithilfe der Masterplanung und museologischen Beratung von Cultural Innovations und Metaphor entwickelt. Sie befinden sich am oberen Ende der Treppe, sodass die Besucher:innen in jede Epoche eintauchen können. Viele der größten und schwersten Artefakte, darunter die zehn Statuen von König Senusret I., sind ebenfalls auf verschiedenen Ebenen der Treppe platziert. Neben den Tutanchamun-Galerien gibt es weitere elf Säle voller Statuen, Schmuckstücke, Friese und Bauteile von Tempeln. Nicht nur die hoch aufragenden Statuen und exquisiten Schmuckstücke beeindruckten Publikum und Fachleute bei der Eröffnung, „sondern auch die Exponate, die einen Einblick in das Alltagsleben der alten Ägypter geben“, wie die Ägyptologin Dr. Monica Hanna in der „New York Times“ meinte. „So gibt es Statuen von Brauern und Bäckern bei der Arbeit und Büsten, die die alten Frisuren der Frauen zeigen. Die bedeutendsten Exponate sind diejenigen, die uns mit der nichtköniglichen Bevölkerung und dem täglichen Leben verbinden.“

Die Tutanchamun-Galerien
Herzstück des Museums sind die 7500 m2 großen Tutanchamun-Galerien im ersten Obergeschoss des Museums. Sie wurden von Atelier Brückner im Jahr 2017 konzipiert und als immersive, narrative Erlebniswelt gestaltet. In den Tutanchamun-Galerien mit zwei parallelen Flügeln – je 180 Meter lang und bis zu 16 Meter hoch – werden alle Objekte aus dem Grab des Pharaos gezeigt, darunter zahlreiche, die bislang nie öffentlich zu sehen waren. In der Dokumentation des Studios heißt es: „Zwei zentrale Gestaltungselemente tragen die gesamte räumliche Erzählung: der Kuratorische Pfad, ein durchgehendes schwarzes Bodenpanel, auf dem alle Objekte präsentiert werden, und der Pfad der Sonne, ein Decken-Lichtband. Gemeinsam strukturieren diese beiden Elemente den monumentalen Raum der Galerie und verbinden Leben, Tod und Jenseits.“ Die Ausstellung behandelt fünf zentrale Themen: Die Person Tutanchamuns, seinen Lebensalltag, die Bestattung, den Weg ins Jenseits und die Entdeckung des Grabs. Der eine Weg führt die Besucher:innen chronologisch durch die Ausstellung, von Tutanchamuns Ahnen bis zum Grabfund. Der umgekehrte Weg hat eine wissenschaftliche Perspektive und folgt dem Weg des Archäologen Howard Carter, der das Grab 1917 entdeckte. Dieser Pfad beginnt mit der Öffnung des Grabs. Ein medial inszeniertes 1 : 1-Modell der Grabkammer verdeutlicht, dass alle Exponate der Ausstellung in diesem 35 m2 großen Grab im Tal der Könige am mittleren Nil verborgen waren. Architektur, Szenografie, Licht, Materialien, Grafik und interaktive Medien greifen dabei ineinander, um ein „emotionales Gesamterlebnis“ zu schaffen, so die Projektleiterin Shirin Frangoul-Brückner. Den dramaturgischen und emotionalen Höhepunkt der Galerie bildet die weltberühmte Totenmaske. Dazu Frangoul-Brückner: „Um die unterschiedlichen Grabbeigaben des Tutanchamun erlebbar zu machen (…), haben der Auftraggeber und wir uns für einen szenografischen Ansatz entschieden und mit Raumbildern, Raumambiente und Raumdramaturgien gearbeitet. Wir erzählen den Weg des Königs vom Leben über den Tod bis zum Leben nach dem Tod und entführen zugleich die Besucher in die mystische Welt der Ägypter.“

Natürliches Licht
Die Einbeziehung von natürlichem Licht ist ein Schlüsselelement des Ansatzes von heneghan peng für das Museumserlebnis und die Verbindung zum historischen Kontext der Region. „Während natürliches Licht in Museen aus konservatorischen Gründen in der Regel minimiert wird, sind hier viele der Artefakte aus Stein, was eine einzigartige Gelegenheit bietet, natürliches Licht wo immer möglich einzusetzen, insbesondere in den Haupträumen des Museums“, heißt es in der Projektdokumentation. Die Umsetzung erfolgte durch das österreichische Unternehmen Bartenbach, das das Projektteam um die Architekten bereits seit dem Wettbewerb begleitet hat. Im Laufe der Planungs- und Realisierungsphase kamen zudem enge Kooperationen mit Atelier Brückner für die Ausstellungsbereiche hinzu. „Statt eines klassischen ‚Blackbox‘-Museums entschieden sich Architekten und Lichtplaner früh für einen mutigen Ansatz: ein tagesbelichtetes Museum, das den Besucherinnen und Besuchern Orientierung, Aufenthaltsqualität und eine starke Verbindung zum Außenraum bietet“, heißt es bei Bartenbach. „Das Beleuchtungskonzept setzt auf möglichst viel natürliches Tageslicht“, so Bartenbach weiter, „konsequent blendfrei und stets unter Berücksichtigung der strengen konservatorischen Vorgaben. Dach- und Oberlichtzonen, reflektierende Deckenflächen sowie speziell entwickelte Glasaufbauten lenken das Licht tief ins Gebäudeinnere.“ Eine besondere Herausforderung war dabei die Ausleuchtung der freistehenden Artefakte und Vitrinen.

Nachhaltigkeit innen und außen
Das Grand Egyptian Museum soll als beispielhaftes Design für ein nachhaltiges Museum fungieren. So haben heneghan peng architects ihr Konzept für die CO2-Reduzierung in die Planung integriert. Um das Gebäude so passiv wie möglich zu gestalten, besteht die Struktur größtenteils aus Beton, um Temperaturschwankungen zu reduzieren und den Bedarf an Klimaanlagen in einem so großen Raum zu minimieren. Dazu bedurfte es einer engen Zusammenarbeit der am Bau Beteiligten mit der ägyptischen Regierung in den Bereichen für Gebäudeumwelt und -technik, Brandschutz, Sicherheit und IT-Engineering. Aber nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch die Umgebung soll für gutes Klima sorgen. Zum Gelände gehören weitläufige Gärten, die der lokalen Bevölkerung als öffentliche Grünflächen zur Verfügung stehen. Die von heneghan peng in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekturbüro West 8 entwickelten Themengärten, die „Welcome Plaza“ und die „Grand Hall“ sollen die umgebende staubtrockene Landschaft begrünen und an die Anfänge der ägyptischen Zivilisation im üppigen Niltal erinnern.

Ein Ort der Bildung und Forschung
„Ganz wichtig ist, dass das Museum nicht nur touristische Zwecke erfüllt, sondern auch der ägyptischen Bevölkerung als Kultur- und Bildungsort dient. Neben den Ausstellungsbereichen bietet der Gebäudekomplex eine große Bibliothek und ein Education Center, in dem Vorträge und Konferenzen stattfinden“, berichtet Frangoul-Brückner. Die Forschung spielte eine große Rolle bei dem Museumsbau. Das Konservierungszentrum, die Labore und die Lagerräume, die über einen Tunnel mit dem Hauptgebäude verbunden sind, gehören zu den größten der Welt und umfassen 17 verschiedene Labore, die sich der Konservierung der unschätzbaren Artefakte des Museums widmen. Das Projekt ist durchaus auch ein Politikum. 300 Restauratoren vor Ort wollen die Ägyptologie, die lange Zeit von westlichen Universitäten bestimmt wurde, wieder zurück nach Ägypten holen. „Dieses Fachgebiet wurde in Ägypten begründet, hat sich aber in der Außenwelt weiterentwickelt“, sagte Ahmed Farouk Ghoneim, der Geschäftsführer des Museums. „Wir wollen es zurückhaben.“ Nicht nur die Forschung, sondern auch viele Artefakte sollen zurückgegeben werden. Seit Langem fordern ägyptische Historiker die Rückgabe einiger der berühmtesten Kunstwerke des alten Ägyptens. Dazu gehören die 3300 Jahre alte Büste der Königin Nofretete im Neuen Museum in Berlin, der Rosetta-Stein im British Museum und der Dendera-Tierkreis im Louvre. Ein Grund für die bisherige Weigerung der jeweiligen Museen war bisher die Feststellung, dass es in Kairo keinen geeigneten Ort für eine angemessene Präsentation der kostbaren Objekte gäbe. Dieser Grund entfällt nun. Bleiben wir gespannt, wann und ob Nofretete zu den ihren zurückkehren wird. 

Der Artikel basiert im Wesentlichen auf Dokumenten der Büros heneghan peng architects und Atelier Brückner. Sie stellten auch die Pläne und Fotos zur Verfügung.

Karin Winkelsesser war langjährig als Redakteurin der BTR tätig und bleibt dem Fachmagazin als Autorin verbunden.

Projektbeteiligte (Auszug)
Auftraggeber:
Ägyptisches Kulturministerium 

Planung:
• Architekt: heneghan peng architects, Dublin
• Ausstellungsdesign: Atelier Brückner, Stuttgart
• Museologie: Cultural Innovations und Metaphor, London
• Statik/Tiefbau/Verkehr, Fassadentechnik: Arup, Berlin
• Gebäudetechnik, IT/Sicherheit/Brandschutz/Akustik: Büro Happold, Berlin/Hamburg/München
• Landschaftsgestaltung, öffentlicher Raum, Masterplanung: West 8, Rotterdam
• Lichtgestaltung: Bartenbach Lichlabor, Wattens


BTR Ausgabe 1 2026
Rubrik: Tagungen und Ausstellungen, Seite 51
von Karin Winkelsesser

Weitere Beiträge
Nachgefragt: Mara Madeleine Pieler

Silke Holtmann: Mara Madeleine Pieler, Sie haben zunächst Bühnen- und Kostümdesign an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studiert und schlossen Ihr Studium im Fachbereich Bühnenraum an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg ab. Sie sind bereits an den großen deutschsprachigen Bühnen, zum Beispiel am Maxim Gorki Theater in Berlin, dem Deutschen Schauspielhaus...

Konstruktion für die Zukunft

Als eines der weltweit renommiertesten Opernhäuser stand das traditionsreiche Royal Ballet & Opera House vor einer besonderen Herausforderung: Die wachsenden Lastanforderungen moderner Bühnen- und Lichttechnik und das Eigengewicht der alten Stahltraversenkonstruktion hätten die vorhandenen Seilzüge, die jeweils 420 Kilogramm Last aufnehmen können, schlichtweg überfordert. Zudem war die...

World Stage Design 2025

Das große, weiße Gebäude der Sharjah Performing Arts Academy wirkt imposant und fast ein wenig überwältigend. Doch sobald wir es zur Eröffnung der World Stage Design (WSD) am 18. Oktober 2025 betraten, tauchten wir direkt ein in eine offene und einladende Atmosphäre: Wir waren mittendrin in einem lebendigen Aufeinandertreffen von Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und...