Erweiterung der Spielzone
Am Anfang ist die Bühne weit und leer. Keine Kulisse, keine Erwartung. Fahles regelmäßiges Licht senkrecht auf die schwärzliche Fläche, ein Arbeitslicht ohne tiefere Bedeutung. Wir sind ganz im Hier und Jetzt. Wie aus dem Nichts ist eine Putzfrau ganz hinten vor dem schwarzen Hintergrund aufgetaucht, die stoisch mit einem Wischmopp ihre Bahnen zieht. Sie hat alle Zeit der Welt. Bahn für Bahn kommt sie allmählich dem Zuschauerraum näher und dem Häuflein, das da ganz vorn von Beginn an liegt. Ein graues Etwas.
Nein, mehr als ein Etwas – ein Wesen mit Schuhen, eher Stoffbündel als Lebewesen, eine Puppe. Die Putzfrau, der Darsteller Wolfram Koch, beginnt aus der Wischbewegung heraus einen Monolog. Mit klarer Stimme, in großer Ruhe spricht er einen Monolog, der sich bei genauem Zuhören als ein Dialog entpuppt – zwischen Teufel und Gott. Aha – Mephisto ist mitten unter uns, in Gestalt einer Putzkraft, kurz bevor die Show beginnt. Das Bündel der Faust. Mephisto stößt ihn an, spricht ihn an, beugt sich über ihn. Wiederbelebung, Rettung … oder Einhauchen von Leben? Der Rückhänger hebt sich, eine monströse Konstruktion schiebt sich nach vorn und unter Kochs/Mephistos diabolischem Lachen, aus der Handlung heraus abgenommen, in den Saal eingespielt, setzt sich das Riesengestell in Bewegung. Eine rasante, rund 20-minütige Fahrt beginnt. „FAUSTWELT“ steht in Jahrmarkt-Manier – mit digitalen Glühbirnen in großen Lettern – auf die Geisterbahn geschrieben.
Jahrmarkt und Puppentheater
Schon als Kind kannte Goethe den Fauststoff. Die Geschwister Wolfgang und Cornelia Goethe waren begeisterte Puppenspieler. Was sie auf den Jahrmärkten sahen, spielten sie nach und präsentierten es ihren Freunden, so beschreibt es Goethe selber in seinen frühen Romanen.
Als Kind spielt er die Welt mit seinen Puppen nach, als Heranwachsender begeisterte er sich für Jahrmärkte. Regie und Dramaturgie in der Frankfurter Inszenierung sind inspiriert von Goethes Puppentheater – das in dessen Geburtshaus im Großen Hirschgraben in Frankfurt steht – sowie vom fahrenden Volk, dem reisenden Theater, dem er teils selbst in jungen Jahren angehörte. Das große, klamaukige, laute und grelle und Theater mit überzeichneten Figuren und grellen Effekten ist Vorbild, nicht das leise, das in sich gekehrte Kammerspiel; mehr Shakespeare als Strindberg.
„Faust 1“ im Schnellgang
Die sich drehende, zweistöckige Geisterbahn, über die zuoberst ein gewaltiger Faust-Schädel thront, ist mit den Figuren des „Faust 1“ bevölkert. Faust und Mephisto, Gretchen als Bockenheimer Mädsche, Kammer und Spinnrad, alle sind an Bord, alles dreht und bewegt sich. Dazu ein mächtiger Soundtrack aus Textcollage, Soundeffekten, wilder Musik, und das alles ganz in chronologischer Reihenfolge, eine Collage, aus der die berühmten Zitate vom Kern des Pudel bis hin zu den nahenden, schwankenden Gestalten, die akustisch wie Highlights rausleuchten und so ganz raffiniert bei allem Trubel die Struktur, die Handlungsfolge des „Faust 1“ nachvollziehen lassen – sehr assoziativ, sehr pointiert, aufs Minimum eingedampfter Text, alles Original, aber wie im Zeitraffer inszeniert. Auf Leinwänden rechts und links: Zwischenüberschriften in alter Schrift, aber meist live gefilmte Videosequenzen, von einem der koboldhaften Skelette, die die Geisterbahn bevölkern – die Eike Zuleeg in stoischer Ruhe filmt. Ein Spieler, der aus dem Innern heraus überträgt, der ganz nah an der Handlung ist, ein mitrasender Reporter mit ruhiger, sehr ruhiger Hand.
Video fest verwoben im Bühnengeschehen
Der Einsatz vor Video auf der Bühne ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit, die professionelle Liveübertragung per Handkamera aus dem Innen der Kulisse spendiert dem Zuschauer Einblick in Details. Zumal der Filmschaffende Zuleeg als gelernter Kameramann extrem nah am Geschehen und zu einem fast artistischen Einsatz seiner Kamera in der Lage ist. Großes Kino. Aus dem Innern schaut er mit den Augen des Zuschauers in Ecken, in Winkel, groß und nah in die Gesichter. Wie ein Darsteller in Kostüm ist er Teil des Stücks. Perfekt getimt wird der erste Teil des Faust nach Mephistos großem Lacher zum live performten Videoclip. Der Regisseur Jan Christoph Gockel wollte den Faust in den Alltag holen, ihn von seiner bildungsbürgerlichen Schwere befreien und in die Gegenwart übersetzen. Bis zur ersten Pause ist ihm das gut gelungen. Das freche Aufspielen mit verknapptem Text in chronologischer Reihenfolge erlaubt dem Kenner einen frischen Blick, während die Clip-affine Jugend mit dem spielerisch komprimierten Inhalt abgeholt wird. Zwei junge Frauen raunen sich in der ersten Pause zu: „Ich habe zwar nicht alles verstanden – aber ich fand’s geil.“ Mit diesem Urteil waren sie nicht allein. Tosender Applaus von meist jungem Publikum – was will die Goethe-Stadt von ihrem Theater mehr?
Draußen vor der Tür
Regisseur Gockel wollte den „Faust 1“ möglichst schnell „abhandeln“, um rasch zu „Faust 2“ vorzustoßen. Dessen große Themen interessierten ihn weit mehr als der erste Teil. Schon für Bertolt Brecht war „Faust 1“ schlicht eine Liebesgeschichte zwischen einem Intellektuellen und einer Kleinbürgerin – „Faust 2“ hingegen hat die große Welt zum Thema. So wie der erste Teil mit leerer Bühne überraschte, wundert den Zuschauer nach der Pause das riesige Bild, dass auf Gaze über die gesamte Bühnenbreite als Video zu sehen ist, ganz offensichtlich live, mit schwankenden, kostümierten Gestalten. Eine Straßenbahn fährt ins Bild. Die Puppe des Faust liegt als Bündel auf dem Bahnsteig. Passanten. Mephisto spricht sie an, verwickelt sie in Spielchen um Geld und Gold, das dort zu finden sei. Wir sind im Stück. Im Hintergrund die Groß-Skulptur des Euro, das Hochhaus, das vor Jahren die EZB beheimatet hat und noch immer Euro-Tower heißt. Die Frankfurter Geldwelt als Kulisse für den Teil ersten Akt von „Faust 2“. Das Programmheft zitiert: „Welch Unheil muss auch ich erfahren! Wir wollen alle Tage sparen, und brauchen alle Tage mehr.“ Das passt zur Politik in Deutschland – sorry – wie die Faust aufs Auge. Ganz heutig das Thema, ganz in der Zeit des Stücks sind die Kostüme der Spieler, ganz verführerisch Sebastian Koch, der die Passanten anspricht, tatsächlich immer wieder Leute zum Spenden bringt – für den armen Kaiser, der Kriege führen muss und leere Kassen hat. Aber Mephisto findet auch selbst Goldmünzen, klar: Er hat die Lösung der Staatsfinanzkrise. Mit dem Gold-Geld geht’s zurück ins Haus, auf der Bühne wird weiter ver- und gehandelt, bis in den ersten Rang hinein – und es gelingt Faust und Mephisto tatsächlich, die Finanzprobleme des Kaisers zu lösen. Man muss den Wert des Geldes nur behaupten, was Mephisto wortreich erklärt – schon ersetzt bedrucktes Papier altmodisches Gold. Nach dem Mummenschanz, einer großen Party, die als Rave die Bühne füllt, wird frisch erfundenes Papiergeld gefeiert. Mephisto als ausgelassener Finanzberater, der es ordentlich krachen lässt.
Kontrastprogramm
Nach dem Ausflug ins Freie reichte dem Regieteam die fast leere Bühne des ersten Aktes, um mit fettem Sound und Showlicht ganz leicht und spielerisch eine große Party zu inszenieren, ähnlich einem Rave. Alles tanzt, alles lacht – Sorgen und Nöte: Das war gestern. „In bunten Bilder wenig Klarheit, Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit, So wird der beste Trank gebraut, der alle Welt erquickt und auferbaut.“, zitiert das Programmheft den Dichter. Bunte Bilder, wenig Klarheit – leere Bühne, intensiver Videoeinsatz. Die Nahaufnahmen werden nach der ersten Pause nur noch auf einer kleinen seitlichen Leinwand eingespielt, die Bühne bleibt für lange Strecken offen und weit, umso lebendiger das Geschehen. Es wechseln die Figuren und Kostüme, „Faust 2“ ist alles andere als ein übersichtliches Stück, es bleibt kurzweilig.
Die Texte haben auch nach 200 Jahren Kraft und Witz, erscheinen rein thematisch überraschend aktuell. „Ob es um das Thema Inflation geht, um Naturzerstörung oder um die Frage, wie erneuerbare Energien genutzt werden können – Goethe hat seine Zeit, die beginnende Industrialisierung, sehr genau angeschaut“, sagt die Goethe-Kennerin Professorin Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts Frankfurt/Deutsches Romantikmuseum, im Gespräch für das Programmheft. „Goethe verteilt keine Zensuren“ und er zeichne einen modernen Menschen wie er ist – und welche Gefährdungen in ihm stecken.
Mitspieltheater
Die Handlung wird öfter unterbrochen, es wird direkt mit dem Publikum kommuniziert. Sehr elegant umgesetzt ist in diesem Zusammenhang beispielsweise die Möglichkeit für eine:n Zuschauer:in, sich mit Faust auf eine Freifahrt auf der Geisterbahn einzulassen. Faust als Showmaster, der das Publikum direkt angeht. „Haben Sie eine goldene Nummer unter Ihrem Sitz?“ Die Frage, nach welchen Kriterien der oder die Glückliche ausgewählt werden soll, entscheidet schnell der schnöde Mammon. Die Herrschaft des Geldes, die Ökonomisierung der Welt hat Goethe gegen Ende der Arbeit am „Faust“ ins Stück genommen. Was er Ende der 70er-Jahre des 18. Jahrhunderts begann, also vor der Französischen Revolution, schrieb er gegen 1830/31 fertig, in der Zeit der Frühindustrialisierung, einem Umbruch, der die alte Welt durcheinanderwirbelte – so wie wir es gerade auch erleben.
Multiple Gestalten
Faust, der die Welt nach dem Pakt mit Mephisto beherrschen und lenken will, ist in Frankfurt ein schlaffer Sack, mal gehoben, mal geschleppt, mal im Rollstuhl geschoben – einer, der in sich keine Körperspannung hat. Ein grauer Jedermann, eine Beliebigkeitsfigur. Als Puppe hat er keine Mimik. Er strahlt Sturheit aus, scheint aber auch Dickschädel und könnte ein cooler Intellektueller sein. Als Kopf, der überdimensional über der Geisterbahn thront, ist er allgegenwärtig, ähnlich einem Markenzeichen, einem Logo, ein Salesman? Der ständig sich wandelnde Mephisto, erst als Putzfrau, dann kostümiert wie bei Gründgens in den 60ern, dann wiederum als Geschäftsmann oder als cooler Banker – er und der zweifach vorhandene Faust sind von vornherein als verschiedene Personen in einer Rolle angelegt. Persönlichkeiten, die sich schnell auflösen, neu finden und sich dann in neue Abenteuer stürzen. Impuls für die Idee, ihn als Puppe auftreten zu lassen, kam vom Puppen- und Schauspieler Michael Pietsch, langjähriger Kollege des Regisseurs, der auch einen Affen, einen Geier und eine Motte für „Faust 2“ entwickelt hat – wie auch einen Pudel samt Kern für den Livevideoclip des ersten Teils.
Erst Haudrauf – dann Kohle
Faust wird ständig von neuen Wünschen getrieben und in neue Abenteuer verwickelt. Nachdem er dem Kaiser zu Reichtum verhilft, neben dem Geld wird die Inflation auch mitverhandelt, sucht er mit Helena das Kleinfamilienglück, für das er ein Grundstück am Meer klarmachen will. Philemon und Baucis sollen weichen und beiseite geschafft werden, werden eiskalt ermordet, das Land dem Erdboden gleichgemacht, die Natur zerstört. Mephisto ist dabei längst nicht mehr allein Spielleiter, sondern auch selbst Getriebener, atemlos von einer Wunscherfüllung zur nächsten hetzend. In Faust erwacht das Gewissen. Zerstörte Natur, der Mord am alten Paar, das habe er so nicht gewollt. Der mythische Bezug zu Philemon und Baucis, zum alten Ehepaar, muss nicht verstanden werden, um die Gegenwart im Stück zu erkennen, beim sprechenden, vom Menschen gespielten Baum schon gar nicht. Im letzten Teil des „Faust 2“ werden die Themen Naturzerstörung und Wohnraum in der Stadt selbst verhandelt. Der Videokünstler und Kameramann hatte Zugang zum Stadtarchiv, um Bilderstrecken aus historischen Fotos kreieren zu können. Der Bezug des Stücks zum Hier und Jetzt, zum heutigen Frankfurt wird dadurch klar deutlich, bedient sich feiner Mittel. Die Bilder wollen nicht überwältigen, was Relativierung des Themas und damit Ablenkung wäre, sie zeigen, was war, was ist. Das Urteil bleibt dem Zuschauer überlassen, er bleibt mündig.
Ins Heute
So richtig en détail verstehen kann man als Zuschauer den „Faust 2“ nicht, zu wild ist der Ritt durch die Themen. Goethe selbst fand schon den ersten Teil kaum aufführbar und schrieb dem Braunschweiger Theaterdirektor vor den Proben im Jahr 1829: „Machen Sie mit meinem Faust was sie wollen“ – also freie Hand. Seinem Eckermann sagte er später, wohl missmutig gelaunt „… welche Idee ich mit meinem Faust zu verkörpern gesucht? – Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte! … Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn so ein reiches, buntes höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im Faust zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen Idee hätte reihen wollen“ und später: „Der Faust ist doch etwas ganz Inkommensurables, und alle Versuche, ihm dem Verstand näher zu bringen, sind vergeblich.“ Mit dem „Faust“-Projekt zeigt das Schauspiel eine beeindruckende Mannschaftsleistung, die bei aller Länge und Sperrigkeit des Stoffs über vier Stunden die Zuschauer für sich einnimmt. Man spürt die Substanz der Arbeit, die Gründlichkeit der Vorbereitung und die Begeisterung für den Stoff, ohne die das Werk so nicht aufführbar gewesen wäre. Das Regieteam nahm sich eineinhalb Jahre für den Vorlauf. Während der gewaltige Text von der Dramaturgie bearbeitet und eingekürzt wurde, bereiteten sich Bühnenbildnerin, Ausstattung und Werkstätten auf den Bau der Geisterbahn vor. Auf die Beleuchtung kamen komplexe Aufgaben zu: Bespielung und Inszenierung der Geisterbahn, teils mit differenzierten Interieurs wie der Studierstube des Faust, der Welt des Gretchens und einer Szenenfläche im „Obergeschoss“. Das alles videogerecht geleuchtet, sprich mit Kontrasten, die für die Videokamera tauglich sind, ohne dass die Rummelwelt an Glaubwürdigkeit verliert, weil zu „flach“ geleuchtet und damit zu langweilig. Diese widersprüchliche Anforderung gilt auch für den „leeren Raum“, der immer dann zu bewältigen war, wenn der „Rummelplatz“ pausierte. Zum einen musste der Raum per Licht atmosphärisch erfasst, mussten Spielzonen geleuchtet oder eine Show, ein Rave per Strobolicht auf der Bühne etabliert werden, zum anderen musste das Licht videotauglich sein, also auch hier waren Kontraste zu vermeiden, die dem Auge gefallen, von der Kamera aber nicht verarbeitet werden können. Auch auf Leinwände ist ständig zu achten. Seine Aufgabe gemeistert hat Zuleeg mit der für Video auch wenig lichtspezialisierten Sony Alpha 7 S III, die er mit „alten“, rein manuellen Nikon-AI-Objektiven einsetzte. Die Renaissance alter Fotoobjekte auch hier, um „cleane“ und „technische“ Bilder zu bekommen. Bei „action“ gerät bei diesen Linsen kein Autofocus ins Pumpen, dafür muss aber die Schärfe ständig per Hand gezogen werden. Die Aufnahmen draußen haben kein feststehendes Licht wie im Innenraum, sind jahreszeitlich unterschiedlich von überstrahlendem Hell bis völlig dunkel – die ideale „Blaue Stunde“ mit schönen Kontrasten, um die Hochhauskulisse einzufangen, bietet der Kalender nur selten.
Im Hintergrund agiert eine Videoabteilung, die neben allen Einspielungen auch drahtlos Videosignale von der Livekamera übertragen musste, bei nicht zu kalkulierenden Kamerawegen vor der Tür – die Szene mit Passanten sind spontan, nicht abgesprochen. Hand in Hand mit der Tonabteilung, die neben der Hörspielproduktion und dem „Livevideo“ des ersten Akts über Einspielungen und Mikrofonie bis hin zum Liveakt mit Musikern und Sängern mit allem Wissen und Können gefordert war.
Schluss und Ausklang
Am Ende des Stücks ermattet und erblindet Faust. Sein Alter Ego trägt die Puppe auf den Armen davon – das Ensemble vereint sich unter Nina Simones „I put a spell on you“ in Richtung Publikum. Großer Applaus, viel Bravo, ein satter, wenn auch nicht leichter Theaterabend – für die meisten. Wie schon zuvor im ersten Teil geht das meist erstaunlich junge Publikum bis zum Schluss mit. Die assoziative, teils fragmentierte Erzählweise kommt ihm entgegen, ähnelt sie doch der Videokultur und Ästhetik der heute allgegenwärtigen Medien. Ältere, die den Szenen mit dem Verstand auf den Fersen sein wollen, werden bei dem durchgängig hohen Spieltempo und der weitgehend fragmentierten Szenerie eher frustriert. Zwei durchaus bekannte und erfolgreiche Regisseure der Freien Szene schimpfen vor dem Theater lauthals über fehlende Texttreue und Verständlichkeit, zwei, die vor Jahren auch in Inszenierungen zum Goethe-Jahr die Klassiker mit Lust und Laune auseinandergenommen, auf den Kern reduziert, also dekonstruiert haben. Lust auf Klassik bei den „Jungen“, Frust bei den „Alten“?
Afterwork-Get-together
Die Zuschauer werden regelmäßig eingeladen, nach dem Stück, nach immerhin mehr als vier Stunden, mit Spielern und Regieteam im Foyer zu sprechen. Es kommen einige, junge und ältere. Viel Lob, viele Fragen. Ein Herr outet sich als „Theaterschläfer“ – großes Gelächter –, er müsse immer wieder ins Theater, um Klassiker zu sehen, sein Leben als Deutschlehrer drehe sich darum, er sei der vielen Inszenierungen überdrüssig und schlafe meist ein. Bei diesem „Faust 1 & 2“ sei das nicht so. Er sei zum dritten Mal aus Heidelberg angereist, würde immer wieder Neues entdecken. Für ihn sei die Inszenierung ein großer Schatz, er würde sich keine Minute langweilen – weit weg von jedem Einnicken. Es sind nicht alle so enthusiastisch – aber eine Theatermannschaft, die sich um einen aktuellen „Faust“ kümmert, die ihn entstaubt und entrümpelt und in die Gegenwart zerrt, sich in großem Kraftakt vereint und sich der Stadt stellt: das kommt an, wird goutiert – das Theater lebt. In Frankfurt. Mit dem berühmten Sohn der Stadt.
Herbert Cybulska ist freischaffender Lichtgestalter und Fotograf sowie Inhaber eines Lichtplanungsbüros. Er arbeitet für Theaterproduktionen, an Lichtinstallationen im Grenzbereich zur bildenden Kunst wie auch als Lichtplaner, vorwiegend in denkmalgeschützten Räumen. Seit vielen Jahren ist er für die BTR als Fachautor im Bereich Licht unterwegs.
„Faust 1 & 2“
Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne: Julia Kurzweg
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik & Hörspiel: Matthias Grübel
Video: Eike Zuleeg
Puppenbau: Michael Pietsch
Dramaturgie: Claus Philipp, Katrin Spira
Licht: Marcel Heyde
BTR Ausgabe 4 2025
Rubrik: Produktionen, Seite 34
von Herbert Cybulska
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