„Das war eine herrliche Erfahrung!“
Mit einer erfolgreichen Bilanz und einer Auslastung von fast 92 Prozent ging das Festival „Theater der Welt“ in Chemnitz am 5. Juli 2026 zu Ende. 33 internationale Produktionen haben rund 17.000 Besucher nach Chemnitz gelockt. 18 Tage lang lief ein dichtes Programm mit über 200 Veranstaltungen und rund 400 beteiligten Künstler:innen. Das 1981 vom Internationalen Theaterinstitut (ITI) gegründete Festival wird alle drei Jahre veranstaltet und bespielte seither zahlreiche deutsche Städte.
Es gehört zu den wichtigsten internationalen Theaterfestivals Deutschlands und zeigt künstlerische Perspektiven und Produktionen aus aller Welt. Eine Ausstellung im Spinnbau dokumentierte die 45-jährige, vielseitige Geschichte. Absolut neu für diese 17. Festivalausgabe war das Prozedere zur Auswahl der Produktionen, die diesmal nicht einer Intendanz oder Einzelperson, sondern einem Team aus neun Kurator:innen (siehe Kasten Seite 33) übertragen wurde. Sie kamen aus Argentinien, Australien, China, Griechenland, Indien, Kanada, Saudi-Arabien, Senegal und Südafrika. Was macht dieses internationale Festival im Kern aus? „Internationale Künstler:innen kommen in die Stadt und eröffnen einen Raum des Dialogs“, für Yvonne Büdenholzer, Präsidentin des ITI, entwickelt sich im besten Fall ein lebendiger Austausch mit der Stadtgesellschaft. Die Menschen können auf künstlerische Reisen gehen, die Neugier wecken, Freude bereiten und gemeinsame Horizonte erweitern. Das Interesse des Publikums, die hohe Auslastung in Chemnitz spricht für ein erfolgreiches Konzept, das viele Menschen im besten Sinn mitgenommen hat.
Offen, neugierig, engagiert
Von den Erfahrungen aus dem Kulturhauptstadtjahr unter dem Motto „C the Unseen“ konnte das gesamte Team beim diesjährigen „Theater der Welt“ profitieren. Etwa bei der Vernetzung und Zusammenarbeit von zahlreichen Einrichtungen in der Stadt, betonte OB Sven Schulze in seinem Grußwort. Wieder konnte auf das große Engagement von vielen Freiwilligen in diesem Jahr gebaut werden, ob als Personal für Einlass, Abenddienst, Verkauf und Informationsservice in den Spielstätten. Auch auf diesem Weg wurden der Festivalgedanke und viele Eindrücke des reichhaltigen Programms in die Stadt und zu ihren Menschen getragen. Was 2025 funktioniert hat, wurde im Sommer 2026 also erfolgreich fortgesetzt, Chemnitz habe sich offen, neugierig und engagiert als Gastgeberin großer kultureller Ereignisse gezeigt und dieses Selbstverständnis sei gewachsen – getragen von einer Stadtgesellschaft, die Kultur nicht nur konsumiert, sondern aktiv erschafft und gestaltet, resümierte Schulz. Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt bei der Planung und Realisierung dieses immensen Programms war das Theater Chemnitz. Das Team aus dem Haus hat für die Festivalzeit enorm umfangreiche Planungen schließlich auch realisiert, und das bereits in der laufenden Theatersaison. Und neben dem Kulturhauptstadtjahr, in das auch das Theater eingebunden war. Diverse Spielorte in der Stadt waren dafür einzurichten, zu betreuen und bei Bedarf noch anzupassen oder umzurüsten. Für die mehr als 30 Produktionen vom Figuren- und Sprechtheater, über Installationen und Performances bin hin zum Musiktheater gab es diese Spielorte: drei Bühnen im Spinnbau, erweitert durch Halle 2 und 5, die Opernbühne, den Ballettsaal, die Hartmannfabrik, den Club Atomino, das Kino Metropol, den Rathausvorplatz und den Theaterplatz sowie einige Standorte im Stadtraum. Als Festivalzentrum und Garten diente ein grünes Areal hinter dem Spinnbau. Zur Organisation und der Realisierung des Programms für „Theater der Welt“ gab Raj Ulrich, Technischer Direktor des Hauses, Auskunft:
BTR: Raj Ulrich, jetzt ist es vollbracht, das bunte internationale Festival liegt hinter Ihnen und Ihrem Team. Vorplanung, Logistik für 33 Produktionen an insgesamt 11 Spielorten inklusive Garten und Theaterplatz planen und einrichten, die internationalen technischen Teams betreuen, an der Realisierung mitarbeiten und den Spielbetrieb gewährleisten – das klingt nach einem echten Kraftakt für Ihr Haus, das Team und die vorhandenen Strukturen. Denn finanziell und personell ließ sich wohl kaum aus dem Vollen schöpfen, oder?
Raj Ulrich: Natürlich gab es einen entsprechenden Etat, der sich ohne tiefere Einsicht groß anhört. Bei genauerer Betrachtung war dieser finanzielle Rahmen aber sehr herausfordernd. Deshalb war zwingend, sehr kostenbewusst an das Festival heranzugehen. Dass innerhalb der Stadt und auch in der bühnentechnischen Industrie durchaus Sponsoren gewonnen werden konnten, war erfreulich. Dadurch waren dann doch so manche Dinge realisierbar, aber „aus dem Vollen schöpfen“ sieht anders aus. Die Vorbereitungsarbeit lief schon ab Januar 2025, also im Kulturhauptstadtjahr, massiv an. Paul Eilzer begann unverdrossen und unermüdlich ab seinem ersten Arbeitstag in Chemnitz mit der unüberschaubaren Aufgabe der Technischen Leitung des Festivals. Schließlich brachten die neun Kuratoren weit mehr als 200 Gastspielvorschläge aus aller Welt ein. Diese zu prüfen, abzugleichen, zu „sieben“ und zu kommunizieren ist eine absolute Meisterleistung. Daraus wurden dann die 33 Gastspiele ausgewählt. Ein anschauliches Beispiel für diesen Aufwand ist der Mailverkehr für das Gastspiel („Kuste“) – mit mehr als 2400 Seiten, die zur Klärung aller Belange notwendig waren.
Was waren besondere Momente: die größte Überraschung, eine außergewöhnliche technische oder logistische Herausforderung?
Wenn ich ehrlich bin, war alles geprägt von Überraschungen und Herausforderungen … Zumal gut 80 Prozent des Festivals in unserer Ausweichspielstätte, dem Spinnbau, und deren Umfeld stattfand. Herausforderungen begannen bei den Bauanträgen, Brandschutzgutachten, beim Seetransport, den Zollangelegenheiten, den Transportfehlern und Transportschäden. Und in fast jeder Produktion gab es den plötzlich neuen Gedanken des künstlerischen Teams selbst. Das Sommerwetter kam nicht unerwartet, das hatten wir quasi geordert, allerdings die Obergrenze nicht angegeben. Mit 40 °C wurde es dann an mancher Stelle etwas überhitzt. Mobile Großklimaanlagen für die Industriehallen wurden notwendig und mühevoll besorgt. Lediglich im Festivalzentrum, dem Spinnbaupark, konnte von Beginn an mit Wassernebel und Springbrunnen gekühlt werden. Unter den 150 Jahre alten Bäumen war es gut auszuhalten und ließ sich schön feiern. Der Park, vorher eine „Wildnis in Vergessenheit“, wurde eigens für das Festival freigelegt und hergerichtet. Treppen wurden angelegt, tote Bäume gefällt und mehrere 100 m3 Hackschnitzel auf den Wegen und Flächen ausgebreitet.
Es gab keine Vorortbesichtigung, wie bei Gastspielen sonst möglich. Wie lief die Kommunikation zu den künstlerischen und technischen Teams?
Hier war viel Absprache auf beiden Seiten vonnöten, wie schon der erwähnte umfangreiche Mailverkehr zeigt. Denn alle Teams der Gäste trafen zum Festival zum ersten Mal vor Ort ein. Viele Gastspiele entwickelten sich auch noch und wurden erst kurz vor knapp inszeniert. In den verschiedensten Regionen der Welt zu erforschen, welche tatsächlichen Anforderungen bestehen, auch wenn es keinen Technical Rider gibt, ist schon ein anstrengendes Unterfangen. Keine der Gastspiele wurde vorher schon in Deutschland aufgeführt, es gab hier in Chemnitz also jede Menge Welt-, Europaund Deutschlandpremieren zu erleben.
Welche Neuanschaffungen, neue Ausstattungen gab es? Oder wurde alles mit vorhandenen Mitteln, Equipment bzw. angemieteter Technik realisiert?
Aufgrund der Budgetgrenzen war schon zu Beginn klar, dass es mit unserer Ausstattung funktionieren sollte, natürlich waren wir aber auf Anmietungen angewiesen.
Wie ließ sich die gesamte Vorabplanung für das Festival geeignet in den regulären Spielbetrieb einbauen?
Das ist eine Frage, die uns etwas auf „dem falschen Fuß“ erwischte. Natürlich gab es die Absicht, den Spielbetrieb auf das Festival einzustellen. Die Saison bis zum Festivalstart lief aber eher wie eine normale volle Spielzeit ab. Auch am Vortag des ersten Gastspiels wurde in der Oper noch gespielt. Und im Schauspiel/Figurentheater fand noch unmittelbar vor dem Festivalstart die Technische Einrichtung der Freilichtbespielung unserer Inszenierung „Das Dschungelbuch“ statt. Während des Festivals befand sich dann unsere Robert-Schumann-Philharmonie auf Gastspielreise in der Elbphilharmonie, der Rest der Belegschaft war in Vorproben für die kommende Spielzeit gebunden.
Wie groß war das technische Team für das Festival?
Natürlich bestand die Notwendigkeit, das gesamte technische Team der Städtischen Theater Chemnitz gGmbH einzusetzen, das in der Festivalzeit ununterbrochen zur Verfügung stand. Darüber hinaus wurden aber auch freie technische Firmen eingebunden. Unbedingt erwähnt werden sollte hier das Team der TD Media – Bachmann, Schmidt & Seering GbR aus Chemnitz, die Chemnitzer Firma PM2 Veranstaltungstechnik, die JAPO Konzert- und Veranstaltungs GmbH sowie die Überdachungslösungen der Opera GmbH & Ko. KG. Ohne ihre Unterstützung wäre das Festival so nicht realisierbar gewesen. Zum Thema Mitarbeiter und Personal muss ich an dieser Stelle etwas ausholen. Die Realisierung wäre ohne das riesige Engagement der eigenen Mitarbeiter kaum möglich gewesen. Besonders die Technischen Leiter der Häuser, die Abteilungsleiter von Licht und Ton mussten schon sehr viel (eigentlich zu viel) schultern. Deshalb bedanke ich mich an dieser Stelle stellvertretend bei Paul Eilzer (Technischer Leiter Festival), bei Patrick Otte, dem Technischen Leiter des Schauspielhauses, bei Sebastian Mansch, dem Leiter der Tonabteilung der Städtischen Theater Chemnitz gGmbH, bei Holm Grünert und Mathias Klemm, den Leitern der Beleuchtung, und ebenso bei Ferdinand Scheel und Danilo Illig, den technischen Leitern aus dem Opernhaus!
Noch einmal zu den Beteiligten: Wer waren wichtige Partner, in der Planung und im laufenden Betrieb?
Jeder und jede Einzelne! Jeder, der nachts um 1 Uhr noch ans Telefon ging, um die freudige Nachricht zu empfangen, dass er doch spätestens um 6 Uhr bitte im Hause sei. Jede, die nicht auf die Uhr schaute, jeder der sich das Meckern verkniff, jede, die mit endloser Geduld zuhörte, jeder, der an seine Grenzen ging!
Was bleibt nach dem Festival? An Erfahrungen, an Energie und Bewusstsein im Haus?
Viel Erfahrung! Was gut oder eben auch nicht so gut funktionierte. Wie gut eine so große Mannschaft harmonieren kann und was dazu notwendig ist. Es bleibt die Erfahrung, wie erstaunlich weltoffen Chemnitz ist und dass das Publikum so willens ist, auch ungewöhnliche und unbekannte Werke offen anzunehmen. Das war eine herrliche Erfahrung, die weiter am Leben gehalten werden muss. Der Festivalgarten im Herzen des Spinnbaus wird uns wohl auch in den kommenden Spielzeiten erhalten bleiben.
Sie sind seit 46 Jahren am Haus, ein Festival in dieser Form war etwas komplett Neues?
Ohne Zweifel! Auch deshalb, weil keinerlei Vorreisen stattfinden konnten und am Anfang jeder Kommunikation zuerst nach einem Kommunikationsweg gesucht werden musste. Produktionen aus allen Kontinenten, hier auch geprägt von vielen indigenen Aspekten, das ist nicht einfach, ob nun das Gastspiel aus Kanada oder dem Iran.
Ihre persönliche Bilanz zu den drei Wochen?
Anstrengend … wenig Schlaf, aber auch die Freude, dass die Truppe gemeinsam verschweißt wirklich GROSSES geleistet hat. Das macht mich froh und dafür hat es sich allemal gelohnt!
Dann wünsche ich eine erholsame Spielzeitpause und bedanke mich für das Gespräch!
Das Festival „Theater der Welt“ 2026 in Chemnitz
Festivalintendanz: Inge Ceustermans, Dr. Christoph Dittrich, Stefan Schmidtke
Kuration: Simon Abrahams, Joshua Dalledonne, Rodrigo González Alvarado, Faye Kabali-Kagwa, Nikos Mavrakis, Aya Nabulsi, Srishti Ray, Ndèye Mané Touré, ZHANG Yuan
Produktion: Alisa Golomzina (Leitung), Susanne Berthold, Oksana Fischer, Paula Jörk, Paul Viebeg
Technische Leitung: Raj Ullrich (Technischer Direktor), Paul Eilzer (Technische Leitung Festival), Patrick Otte, Ferdinand Scheel, Robert Steinbrecht
„Theater der Welt“ fand bisher statt in Köln (1981), Frankfurt a. M. (1985), Stuttgart (1987), Hamburg (1989), Essen (1991), München (1993), Dresden (1996), Berlin (1999), Köln-Bonn-Düsseldorf-Duisburg (2002), Stuttgart (2005), Halle (2008), Mülheim und Essen (2010), Mannheim (2014), Hamburg (2017), Düsseldorf (2021) und Frankfurt a.M. / Offenbach (2023).
Die Regisseurin Nicoleta Esinencus der Performance „Memory Distortion. MIXTAPE“ erhielt den ITI Preis 2026 für ihre Arbeit als transnational wirkende Theaterkünstlerin.
BTR Ausgabe 3 2026
Rubrik: Festivals und Produktionen, Seite 30
von Iris Abel
Im Jubiläumsjahr zeigte das „Radikal jung“-Festival im Münchner Volkstheater zahlreiche politische Positionen, und das in Romanadaptionen, Dramen, Performances und einem Opernformat. Insgesamt zwölf Regiearbeiten – von größeren Theaterbühnen und aus der freien Szene – hat das Kurator:innenteam Leon Frisch, Hannah Mey, Isabelle Redfern, C. Bernd Sucher und Christine Wahl ausgewählt.
Widers...
Zur 63. Bühnentechnischen Tagung kamen an zwei Tagen rund 1400 Fachbesucher:innen in der HanseMesse Rostock zusammen. Mit 93 ausstellenden Unternehmen und Institutionen war die Messe so gut besucht wie noch nie zuvor und vollständig ausgebucht. Gleichzeitig bot das Fachprogramm mit 58 Vorträgen, Diskussionsrunden und Praxisformaten auf mehreren Bühnen vielfältige Impulse und Raum für den...
Vorschau
Atmende Bühne
Das monumentale Bühnenbild von Paul Zoller für „Penthesilea“ an der Staatsoper Hannover zeigt den Schauplatz eines Krieges. Mehrstöckig erheben sich Gerüsttürme, von einer Brücke geht der Blick auf das Schlachtfeld. Den Boden bildet eine mikroskopisch vergrößerte Haut mit Haaren, unter der Darstellerinnen hervorkriechen und wieder versinken. Schließlich hebt sich...
