Winzige Aufstände, gigantische Systeme
Von der Eisernen Lady Margaret Thatcher ist der Ausspruch überliefert: «So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen.» Der Slogan markiert nach landläufiger Meinung den Auftakt für den Neoliberalismus in Europa, der bald schon ein Heer an versprengten Ich-AGs über die Märkte schwemmte und zivilgesellschaftliche Institutionen ins freie Spiel der «Singularitäten» auflöste.
Wie es um Großbritannien nach dem Thatcherismus bestellt ist, erzählt eindrücklich das Langgedicht «Let Them Eat Chaos» von Kae Tempest aus dem Jahr 2016.
Mit traurigem, empathischem Blick streift Tempests Lyrisches Ich zu nächtlicher Stunde um 4 Uhr 18 durch London, linst in Wohnungen und entdeckt Menschen, die wie erloschen wirken: Vereinzelt sind sie, verbraucht vom überfordernden Alltag, von auszehrenden Berufen, von Partys und Drogen, von den Social Media, die den Blick fürs Wirkliche verstellen, auch für die Krise hinterm Tellerrand, die ökologische. «The Sickness in this culture and the sickness in our hearts is a sickness that’s inflicted by this distance that we share. / Unsere kranke Kultur und unsere kranken Herzen kranken an dem Abstand, den wir halten», sagt Tempest. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Christian Rakow
Theater heute Der neue Bundeskulturetat für 2026 ist mit 2,57 Milliarden Euro der höchste aller Zeiten, nur die Darstellende Kunst, besonders die Freien Gruppen, fallen neuerdings durch den Rost. Schon im letzten Jahr hatte Wolfram Weimers Vorgängerin Claudia Roth die für die internationalen Produktionshäuser vorgesehenen fünf Millionen Euro gestrichen, dann aber...
Das gelbe Taxi-Schild leuchtet im Halbdunkel des sechseckigen Bühnenraums. An den Wänden geben Straßenmarkierungen die Fahrtrichtung vor, in der Mitte sitzt das Publikum auf Drehstühlen, drum herum wird gespielt. Im Podium am Theater Ulm inszeniert Philipp Löhle mit «Taxi nach Drüben» die wahre Geschichte eines einfachen Mannes, der in die Mühle deutsch-deutscher...
Als «Zauberformel» bezeichnen die Schweizer:innen das eingespielte Proporzverhältnis im Bundesrat, der Regierung, mit abgezählten Sitzen für die wichtigsten Parteien. Sie garantiert die typische helvetische Verlangsamung der Prozesse und eine gewisse Stabilität der Verhältnisse. Dass es um Letztere gleichwohl nicht zum Besten steht, weiß allerdings jedes Kind....
