Wind der Wahrheit
Bei Stücken ist es wie bei Menschen. Manche altern gut. Anderen sieht man an, dass sie aus einer Zeit mit anderen gesellschaftlichen Kämpfen kommen und keinen rechten Grip mehr in der Gegenwart finden – zumindest, wenn man sie so pur und unbehauen im leeren Raum (und später auch in Wind und Regen) stehen lässt wie Regisseur Johannes Holmen Dahl im Münchner Cuvilliéstheater das Familiendrama seines norwegischen Landsmanns Henrik Ibsen «Die Wildente».
Entstanden 1884, kurz nach den großen emanzipatorischen Aufbrüchen mit «Nora.
Ein Puppenheim» (1879) und «Ein Volksfeind» (1882) ist das Stück mit dem Tiersymbol im Titel heute kein Selbstläufer mehr, stellt es doch seine Frauenfiguren wieder wahlweise als tapfere Pragmatikerinnen oder suizidale Teenagerin hinter die detailreich ausgemalten narzisstischen Krisen der Männer zurück. Während die sich ausgiebig rechtfertigen und bemitleiden, managen die Frauen den Alltag und das Geschäftliche, verzeihen und verzehren sich mehr oder weniger stillschweigend bis zur Selbstauslöschung.
Das Unheil angerichtet haben zwei selbstgerechte Silberrücken, beide in denselben unternehmerischen Skandal verstrickt, bei dem illegal Wald abgeholzt wurde und ...
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Theater heute Dezember 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Silvia Stammen
Theater heute Über der Berliner Kultur- und Theaterszene hängt seit Mitte des Jahres die dunkle Wolke massiver Etatkürzungen, wobei sich die regierende CDU/SPD-Koalition und vor allem Kultursenator Joe Chialo eher in diffusen Andeutungen ergehen. Nur noch einmal zum Stand der Information Mitte November: Was an konkreten Kürzungen ist den Berliner Theatern, darunter...
Prolog inklusive, sind 77 Stückchen Welt und Wahn zu entdecken im schriftstellerischen Debüt von Veit Sprenger, der 1997 das Per -formance-Kollektiv «Showcase Beat Le Mot» mitbegründet hat und bis heute unterwegs ist mit dem Ensemble. 77 tatsächliche Welten sind versammelt, weil Sprengers Kurz- und Kürzest-Geschichten durchweg in irgendeiner Art von Realität...
In einer rabenschwarzen Nacht hämmert eine hochschwangere Frau an die Türen einer Klinik, die direkt aus der mörderischen US-Thriller-Serie «Ratched» stammen könnte: Wer hier landet, der ist in schlechten Händen. Man sucht Hilfe und findet bloß Sadismus. Sibylle Bergs Roman «Toto oder Vielen Dank für das Leben» (2012) berichtet maximal zynisch von der...
