Raus ins Raue
Anne Leppers Jugendliche haben gerne einen Chor an der Seite, der wie ein moralischer Kompass funktioniert und ihnen den richtigen Weg weisen soll. Das war schon vor einiger Zeit in Stuttgart so, als eine reiche Lady sich in «Life can be so nice» einen Sonnyboy als Lover hielt. Sie residierte im Penthouse eines Hotels, verbannte den Toyboy dann aber nach unten in den Maschinenraum der kapitalistischen Verwertungskette. Auch er wurde auf seinem Weg in die Untiefen der gesellschaftlichen Zusammenhänge von einem Chor begleitet, der wie ein individueller Ethikrat funktionierte.
So auch jetzt in Darmstadt, wo Leppers aktueller Nestflüchter aber zuerst einmal die Mutterhöhle verlassen und raus ins Raue muss. Die Mama wirft den Dirk raus und meint, er solle ab jetzt doch bitte «Avantgarde» und «ganz unbedingt gut» sein. Damit das gelingen möge, so ihr Diktum, müsse er auf jeglichen Geschlechtsverkehr verzichten. Schließlich landet Dirk nach seinem Auszug in einer mehlstaubschwangeren Bäckerei. Das tägliche Leben wird härter für Aron Eichhorns Dirk. In der Backstube angekom -men, führt er aber plötzlich ein gutes Kilo Anmaßung mit im Lebensgepäck. So ein Dirk kann ganz schnell zu einem ...
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Theater heute Oktober 2023
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Jürgen Berger
Am 11. Juli dieses Jahres starb der 1949 im Berliner Osten geborene, durch die produktive Zusammenarbeit mit Heiner Müller bekannt gewordene Maler-Bühnenbildner Hans-J. Schlieker, der alles Sehbare sehen, alles Einsehbare vergessen und nur Künstler sein wollte. Interessiert nur an dem, was ist, jenseits von Begriffen und Beschreibung. Er hielt Kunst als Tätigkeit...
Zuletzt sahen wir uns vor sechs Jahren auf dem Markplatz von Altenburg in Thüringen. Bernhard Stengele war hier damals noch Schauspieldirektor der Städtischen Bühne im Verbund mit dem Theater in Gera. Er kam mit einer Baskenmütze und knallroten Schuhen, ein Künstler, der auffiel in dem kleinen Ort mit der riesigen Kirche. Und er kam, um seinen Abschied zu...
Kann mal bitte jemand die Zikaden abstellen? Theater beim Festival von Avignon ist zu weiten, oft den schönsten Teilen Theater an der freien Luft. In romanischen Kreuzgängen, barocken Innenhöfen, klassizistischen Gärten. Das hat zur Folge, dass auch mal ein dicker Käfer auf dem Mond im «Sommernachtstraum» herumbrummt oder dass weit oben im Pro -vencehimmel die...
