Kein Privatleben
Wofür soll man kämpfen in dem bisschen Leben, das uns vergönnt ist? Kann, darf man unpolitisch bleiben? Der Konflikt zwischen politischem Engagement und privatem Lebensglück entfacht neu in Zeiten, in denen Deutschlands «Kriegstüchtigkeit» öffentlich gefordert wird. Sie trieb auch Brecht zeitlebens um. Historische Folie von «Trommeln in der Nacht», das seinen Ruhm begründete, ist der Spartakus-Aufstand vom Januar 1919, bei dem kommunistische Aktivisten in Berlin kurzzeitig eine Räterepublik errichteten. Nach einer Woche wurden sie brutal vom Freikorps niedergeschlagen.
In Bochum scheint der Konflikt aber zunächst noch niemanden zu erreichen. Kraglers Braut Anna, die eigentlich trauernd auf ihren Verlobten wartet, erscheint nicht ganz von dieser Welt. Linde Dercon, Nachwuchstalent aus den Niederlanden, spielt Anna intensiv und doch abgekoppelt von der Welt. Sie macht seltsame Verrenkungen, lacht unmotiviert, streckt die Zunge heraus wie ein wildes Tier auf dem Sprung. Ist es, weil Brecht ihr keine echte Stimme gab – und erst die Autorin Seyda Kurt Anna zum Leben erweckt? «Ich ich ich rede jetzt. Was bin ich? Bin ich ein Mensch?», ruft sie ins Pu -blikum, analysiert ihre umfassende ...
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Theater heute August-September 2025
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Dorothea Marcus
Es ist der letzte Streich der Eröffnungsrunde der Schauspiel-Interimsspielstätte auf dem Agra-Messegelände in Leipzig. Dabei verbindet sich Heiner Müllers Landwirtschaftsreformkomödie, die von der Zeit der Landumverteilung 1945 bis zur Kollektivierung 1960 erzählt, ganz organisch mit dem Gelände, auf dem einst Landwirtschaftsmaschinen und Produktionstechniken...
Das Fleisch – ob Mensch, ob Tier – ist gleich. Fleisch, das ist die leitende Metapher in Roger Vontobels Düsseldorfer Inszenierung von Brechts «Die Heilige Johanna der Schlachthöfe». Brecht hatte zunächst die Vorgänge an der Weizenbörse in Chicago im Auge, wechselte dann aber zur Büchsenfleischproduktion, der Metaphorik wegen: die kapitalistische Gesellschaft ein...
Fucking Volkstheater.» Das Erinnerungsbuch zur fünfjährigen Direktionszeit von Kay Voges könnte keinen passenderen Titel tragen. Und dann ist das «Fucking» auch noch in dieser altdeutschen Schrift der satirischen Videos und Plakate, mit denen das Volkstheater im Zuge von Wahlkämpfen Haltung gegen Rechts zu zeigen versuchte. Dabei Geschmacksgrenzen bewusst...
