Kann weg!

Der Berliner Kultursenator Joe Chialo und Bürgermeister Kai Wegner regieren mit der Abrissbirne

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Über einen Mangel an schlechter Presse kann sich Joe Chialo derzeit nicht beklagen. Einen «ignoranten Ton» bescheinigt Peter Kümmel der Berliner Kulturverwaltung in «Der Zeit». «Nassforsch» nennt ihn Peter Laudenbach in der «Süddeutschen Zeitung» und wirft ihm «unfaire Polemik, Ressentiment und fehlende Sachkenntnis» vor, weshalb ihm «massive, breite und anhaltende Ablehnung» entgegenschlage. Er fände es «in Ordnung, wenn sein Etat zusammengestrichen wird und denke nicht an die Folgen», konstatiert vergleichsweise moderat Rüdiger Schaper im «Tagesspiegel».

«Größtes politisches Versagen» sieht Ulrich Seidler in der «Berliner Zeitung». Auch für Simon Strauß fügen sich in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» die «vielen kleinen Mosaiksteine seines Versagens zu einem Bild des vollständigen Scheiterns». Die «taz» ergänzt, Chialo müsse «die Verantwortung auch mal übernehmen» und die «Krise managen, statt nur zu bedauern, was er immerhin entschieden habe».

Wäre es nicht so ernst, der Berliner Kultursenator könnte einem leid tun. Immerhin hatte er ja seit einem halben Jahr eher diffus vor Kürzungen im Kulturetat gewarnt, bis dann allerdings am 19. November ein 130 Millionen Euro schwerer Kürzungsplan durchgestochen wurde, der bei den Opern und Schauspielbühnen, aber auch den freien Trägern und der Freien Szene ab 1. Januar 2025 umzusetzen sei und der schon im nächsten Jahr zu tiefen Einschnitten und Schließungen führen würde. Kein Theater könne, so Claudia Schmitz, die Geschäftsführende Direktorin des Deutschen Bühnenvereins, «innerhalb weniger Monate Summen im geforderten Umfang einsparen». Der ganz überwiegende Teil des Budgets sei gebunden für Personal und Infrastruktur, und auch das künstlerische Kernbudget sei durch verbindliche Verträge mit Künstler:innen fest verplant.

Mangelnde Transparenz ist dabei ein Hauptproblem. Streichlisten wurden sogar an den Mitarbeitern der Kulturverwaltung vorbei in Hinterzimmerrunden der Koalitionsparteien verhandelt. Die Berliner Schaubühne hat zwischendurch ausgerechnet, dass sie nach Chialos Plänen Ende 2025 Insolvenz anmelden müsste. Sasha Waltz & Guests sieht die Berliner Tanzszene am Abgrund. Und Thomas Fehrle, der geschäftsführende Direktor der Deutschen Oper, meint: «Das sind Dimensionen, die es so noch nicht gab. Da hilft es wenig, hier und da etwas wegzulassen. Um vernünftig zu sparen, müsste das jetzige Volumen halbiert werden. Wir brauchen mehr Zeit, einen konstruktiven Dialog mit der Politik und eine Perspektive, die diese kurzfristigen Kürzungen nicht über 2025 hinaus verstetigt.» Damit ist aber kaum zu rechnen, denn Dialog – geschweige denn ein konstruktiver – findet nach übereinstimmender Sicht der Bühnen und Institutionen nicht statt, und Chialo hat obendrein angekündigt, dass sich das Einsparvolumen 2026 noch einmal verdoppeln soll.

Dabei hat in der Berliner Kultur- und Kunstszene niemand die Erwartung, von Sparmaßnahmen ausgenommen zu werden, wenn alle in der Stadt sparen müssen. Nur ist der Schaden, der hier durch die überproportionalen Einsparungen von je nach Rechnung 12 bis 16 Prozent entsteht, erheblich. Und die Unterstellung, nicht wirtschaftlich zu arbeiten, wiegt schwer. Oliver Reese, Intendant am Berliner Ensemble, reagiert ziemlich fassungslos: «Wir sind nicht naiv. Wir haben manche Sparmaßnahmen frühzeitig erfasst, eine interne Liste mit 25 Punkten: Wir drucken keine Spielzeithefte und Plakate mehr, wir verkürzen Endprobenphasen, wir machen Generalproben zu öffentlichen Voraufführungen, wir streichen eine nennenswerte Zahl Produktionen, wir besetzen freiwerdende Stellen nicht nach. Was das am Ende ergibt, lässt sich nicht genau beziffern. Zumal nicht auszuschließen ist, dass mit dem verkleinerten Angebot auch die Einnahmen gemindert werden.»

In Interviews zur Rede gestellt, verweist der ehemalige Musikmanager Chialo gern auf das leuchtende Beispiel der Technoszene: Clubkultur zeige, «wie wirtschaftliches Denken, Eigeninitiative und Eigenfinanzierung helfen können, in schwierigen Zeiten zu überstehen». Nichts dagegen, nur werden da leider Äpfel und Birnen verglichen: Kein Ensemble- und Repertoiretheater und keine Oper, auch die Freie Szene wird sich heute ohne wesentliche öffentliche Zuschüsse erhalten lassen.

Und sein Dienstherr, der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, versteigt sich gegenüber der «dpa» gar zu einer Frage, «der man sich stellen müsse»: «Ist es richtig, dass die Supermarktverkäuferin, die wahrscheinlich eher selten in die Staatsoper geht, mit ihrem Steuergeld diese Eintrittskarte mitfinanziert?» Ein doppelt dummes, populistisches Foul: Gegen die mutmaßliche Supermarktverkäuferin, die ungefragt als operndesinteressierte Kulturignorantin hingestellt wird, und gegen die vermeintliche Hochkultur, der unterstellt wird, elitär und abgehoben zu sein.

Nicht einmal die Parlamentarier der Regierungskoalition wollten dem am Ende so zustimmen und haben dem Senat noch einige Zugeständnisse vor allem an die Kinder- und Jugendtheater abgerungen. Auch die Vorgaben für einige Schauspielhäuser, an HAU, Deutsches Theater, Schaubühne und Berliner Ensemble wurden etwas abgemildert. Offen bleibt, ob der Senat die faktische Abwicklung des Bereichs Inklusion und Diversität noch abmildert.

Der Verdacht liegt nahe, dass der Regierende Bürgermeister und sein Kultursenator trotz wortreicher Versicherungen genau das politisch wollen, was sie praktisch tun: eine Wende hin zu einem dienstleistungsorientierten Kulturbetrieb, affirmativer Kunst, marktförmiger Anpassung. Auf dem Weg dahin werden große Teile der Berliner Theater-, Tanz- und Musikszene in kurzer Frist massiv und unwiederbringlich beschädigt. Vielleicht sollten Wegner & Chialo das wenigstens einmal ehrlich aussprechen. 


Theater heute Januar 2025
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt, Franz Wille

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