Göttingen: Die Stunde Null

Abdul Abbasi, Philipp Löhle «Bombe!»

Theater heute - Logo

An diesem Freitag hätten die Menschen die Züge noch überfüllen können, wie sie es jeden Freitag tun. Ich sollte nach Göttingen zur Uraufführung eines neuen Stücks mit dem interessanten Titel «Bombe!» reisen. Eingestellt hatte ich mich auf den üblichen Andrang im ICE, es gab aber Platz im Überfluss. Kein Problem, mindestens eineinhalb Meter Sicherheitsabstand zu halten. Vielleicht war das ja der Grund für eine scheinbar paradoxe Empfindung: Da schleicht sich ein Virus in unser Gemeinwesen ein und ist so unberechenbar, wie es nur sein kann.

Im ersten Moment sorgt es aber nicht für eine Wendung hin ins Dramatische, sondern für Entspannung. Mit der relativen Leere im ICE und auf den Bahnsteigen stellte sich schnell ein Gefühl von Entschleunigung ein, als reduziere alleine schon der Umstand, dass wir uns gegenseitig nicht mehr so auf die Pelle rücken, den Stress, den wir uns Tag für Tag zumuten. 

In Göttingen war dann das Bewegungsbild auf der Straße ein völlig anderes als gewohnt. Es gab schon diese weiträumigen Ausweichbewegungen angesichts von Entgegenkommenden. Das Bewegungsmuster glich einer etwas eckigen Choreografie mit dem Ziel: Größtmögliche Distanz gewährleisten, trotzdem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2020
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Jürgen Berger

Weitere Beiträge
Angewandte Kulturtheorie: Die Sorge um das Offene

Die Thesen des kamerunischen Hist­o­rikers und Politikwissenschaftlers Achille Mbembe haben Hochkonjunktur. Seine politischen Visionen einer Weltgemeinschaft, die sich kolonialer Strukturen entledigt hat, faszinieren. Sie formulieren nicht nur entscheidende Ideen für den gesellschaftspolitischen Diskurs, sondern teilen indirekt den Künsten eine Schlüsselrolle zu,...

Auf Fehlersuche

Ein kleines Virus legt nicht nur das Theatertreffen lahm – was noch niemandem zuvor in 57 Jahren gelungen ist –, sondern auch gleich den Rest der Welt, sofern er menschlich besiedelt ist. Eine Pandemie mit Abermillionen Infizierten ist die größte anzunehmende Kränkung für hominide Allmachtsfantasien und technologischen Machbarkeitsglauben und lässt alle übrigen...

Dresden: Überschießender Idealismus

Peter Holtz verfügt über eine seltene (Un-)Fähigkeit. Und zwar eine, die besonders in diktato­rischen Systemen von unschätzbarem Vorteil ist: Er zeigt sich komplett immun gegen die hohle Parteiprosa, mit der die Nomenklatura ihre fragwürdige Ordnung zu legitimieren pflegt. Diesem höchst außergewöhnlichen Kind der DDR fehlt nämlich schlicht das Gen zur...