Entsolidarisierungsqualen

Sebastian Hartmann inszeniert Eugene O’Neills «Eines langen Tages Reise in die Nacht» am Staatsschauspiel Dresden zwischen wuchtigen Metaphern und fast klassisch einfühlendem Spiel

Theater heute - Logo

Im Englischen beschreibt das schöne Wort «overstuffed» bemerkenswert unterschiedliche Zustände. Es kann sich ganz materiell etwa auf ein Regal beziehen, dessen Bretter unter der Last zu vieler Dinge durchhängen. Positiv gewendet mag aber auch ein besonders komfortabel gepolsterter Sessel so beschrieben werden, und auch ein Buch ist «overstuffed», wenn es zu viele Themen, Einfälle und Materialien auf zu engem Raum versammelt.

Die Wiederbegegnung mit Eugene O’Neills gerade auffallend viel gespieltem Klassiker «Eines langen Tages Reise in die Nacht» ruft beim Lesen ein Gefühl ebensolcher Überfülle hervor. Üppigst ausstaffiert ist das alles: die lang gewundenen Dialoge, die zahllosen Regieanweisungen, überall hineingewoben in die wörtliche Rede, die teils seitenlangen Szenenbeschreibungen, in denen selbst die Buchtitel aufgelistet werden, die im Wohnzimmer der erbarmungswürdigen Familie Tyrone die Regale füllen sollen. Kein Wunder, dass Regisseur:innen gerade viel Freude daran haben, den ganzen Kladderadatsch dieses sehr romanhaften Stücktexts erstmal abzuräumen. Bis hin zu Rieke Süßkows Radikaldiät jüngst in Nürnberg, bei der tatsächlich kein einziges Wort mehr gesprochen wurde (s. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2025
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Janis El-Bira

Weitere Beiträge
Ob es genügt?

Sechs Schauspieler:innen kommen auf die Bühne, stellen sich an die Rampe, blicken ins Publikum. Nehmen Kontakt auf. «Ich möchte Sie etwas fragen», sagen sie, mal schüchtern, mal entschieden. Sie splitten den Satz in Subjekt, Objekt, Prädikat, spielen sie sich zu wie Bälle über die Bande des Publikums und holen schließlich tief Luft: «Ob es genügt.» Diese aufs ganze...

Talent zum Mythos

Wer dieser Tage in den USA nach sehenswertem Theater sucht, der stößt auch hier auf jene Spaltung, die sich in den Wahlen zeigte: Auf der einen Seite sind da die großen Broadway-Shows, Musicals und Bestseller-Inszenierungen für ein zahlungskräftiges Publikum, das von Popkultur und Kino erzogen worden ist, im Theater nicht viel anderes als gute Unterhaltung zu...

Was Autokratien den Boden bereitet

Theater heute Im November sind Sie mit dem Kleistpreis ausgezeichnet worden, herzlichen Glückwunsch! In der Dankesrede erwähnen Sie Ihren Großvater Danja, der auch in Ihrem jüngsten Theaterstück eine Rolle spielt (vgl. Stückabdruck TH 10/24): Er wuchs auf in der Ukraine, war geprägt von der Sowjetunion, ist in den 1990er Jahren, anders als sein bester Freund, mit...