Ein fiktiver Abend im Jahr 2027
Als ich an diesem zukünftigen Abend ins Theater ging, fiel mir zuerst eine Gruppe auf, die sich vor dem Theater austauschte. Sie waren alt und jung, sprachen angeregt und respektvoll miteinander. Aus Gesprächsfetzen nahm ich wahr, dass es sich teils um dem Theaterbetrieb zugehörige Personen einer Künstlerischen Leitungsgruppe handelte, teils um außenstehende Zuschauer:innen und Kritiker:innen. Man konnte im Gesprächsverlauf nicht genau unterscheiden, wer wer war. Nur dass inhaltlich und sehr zugewandt über das Theater gesprochen wurde.
Einige – dies schienen Zuschauende zu sein – gingen noch ihre Karten kaufen, manche zahlten nichts dafür, andere zahlten offensichtlich mehr und für andere mit, im Pay-as-you-can-Prinzip.
Der Raum des Theaters war offen und zugänglich. Vor allem der Zuschauer:innenraum wirkte umstrukturiert: Es gab Sitzsäcke sowie Stuhlreihen, Audiodescription-Tools und Übertitelung, und einige Reihen waren freigelassen, um Besucher:innen im Rollstuhl auch in beliebten mittleren Reihen Zugang zu verschaffen. All dies wurde selbstverständlich von Zuschauer:innen genutzt. Eine neue Raumstruktur entstand dadurch, die auch in der Inszenierung mehrfach genutzt wurde.
...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Transformationen, Seite 91
von Marie Bues
Die Menschen sind schlecht, und die Welt ist am Arsch», singt der Sänger Kummer in «Der letzte Song». Es geht darin um die Musik an sich, die in dieser Welt Trost spenden könnte. Um einen Künstler, der gern sagen würde, «das System ist defekt, die Gesellschaft versagt / aber alles wird gut». Es gelingt ihm nicht. Er kann immer nur sagen, was ist, und dass das, was...
Samouil Stoyanov ist einer dieser Schauspieler, die sofort auffallen. Von vielen seiner Kolleginnen und Kollegen unterscheidet er sich dadurch, dass er hochtouriger spielt, körperlicher, auch ungeschützter. Der Enthusiasmus, mit dem er sich kopfüber in seine Rolle stürzt, hat etwas Mitreißendes. Man spürt, dass Stoyanov sich jetzt gerade nichts Besseres vorstellen...
Als ich im Jahr 2004 im Schauspielhaus Bochum in einen Lift auf den Weg nach oben Richtung Intendanz stieg, stand da ein Edding-Graffiti: «Don’t cry – work». Schon damals fand ich diese neoliberale Selbstausbeutungsdevise ziemlich strange und widerlich. Der Spruch passte perfekt in ein Haus mit brüllendem Intendantenchef, der später die Schauspielstudentinnen mit...
