Die neue Hauptsache
Jeder Juror des Berliner Theatertreffens ist eigentlich eine tragische Figur. Denn immer macht er oder sie viel mehr Menschen unglücklich als glücklich: enttäuschte Künstler, zornige Lokalpatrioten, die nicht verstehen, warum ihr Theater wieder nicht eingeladen wurde, Kollegen und Kommentarspaltenschreiber, die sich die Haare über die Auswahl raufen. Jedes Jahr produziert die Bekanntgabe von zehn Inszenierungen tausende Male das Gefühl, das Ergebnis sei doch ungerecht. Und dem kann niemand ernsthaft widersprechen.
Es ist nicht gerecht, dass fast immer die großen und reichen Häuser unter sich bleiben. Es ist nicht gerecht, wenn zu einer außergewöhnlichen kleinen Produktion in einem mittleren Stadttheater nur ein Juror des Gremiums anreist. Und alles andere ist auch nicht gerecht. Weil es nicht gerecht sein kann. Vermutlich nicht einmal fair, selbst wenn jeder der sieben Jurorinnen und Juroren sich garantiert aufs Gewissenhafteste darum bemüht, sich die Hacken abreist und mit größter Energie und Kompromissbereitschaft für eine wirklich überzeugende Auswahl kämpft, mit der sich die interessantesten Impulse des deutschsprachigen Gegenwartstheaters abbilden lassen.
Alle wollen es so
Dies ...
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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Theatertreffen Berlin, Seite 34
von Till Briegleb
Der Professor aus Syrien will nicht in Deutschland begraben werden. Obwohl er seit 30 Jahren in Braunschweig lebt, haben ihm die Behörden nicht erlaubt, seinen Vater zu einem Besuch einzuladen. Jetzt steht der Mann mit dem altmodischen Sakko wütend auf einem Steg über der Raumbühne und protestiert «gegen diese Behandlung».
Der Professor ist kein echter...
Alvis Hermanis mag die Menschen nicht, wie sie so vor ihm stehen. Er mag sie nur verfremdet. Über Umwege. Mit extremen Masken. Alt. Uralt. Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen nach seinem «Kaspar Hauser» 2013 und seinen «Schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper» 2015 im Zürcher Schiffbau. Beim Hauser baute er Kinder in Greise um und hängte sie an...
Wenn junge Schauspielerinnen ans Burgtheater engagiert werden, fangen sie üblicherweise erst einmal klein an. Oder sie spielen klassische Jungschauspielerinnenrollen wie Julia oder Luise. Stefanie Reinsperger, damals noch 26, debütierte vergangenen September mit dem fünfzehn Minuten langen Solo eines «schwarzen Negers aus Somalia», der sich wegen Piraterie vor...
