Was ist heute und wenn ja, wie viele?

Theater ist eine Zeitmaschine, und damit fangen die Schwierigkeiten schon an: Wer bestimmt, was heute als zeitgenössisch gilt? Kann man die Vergangenheit auf der Bühne rekonstruieren? Was erzählt ein «Othello», der nur von heute ist? Und warum ist Peter Hacks auf einmal wieder aktuell? – Eine Zeitreise durch die Gegenwart

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Da sitzt man nun im eigentlich wegen fehlender Brandschutz-Einrichtungen geschlossenen New Yorker Goethe-Instituts-Gebäude an der Fifth Avenue auf einem dunkelgrünen Friseurstuhl, der wegen seiner ausgeleierten Federn dauernd nach hinten wegkippt, und während man verzweifelt um sein Sitzgleichgewicht kämpft, erklärt einem ein aufgekratzt freundlicher Mittfünfziger im pinken Hemd ein paar gerahmte Autogrammfotos an der Wand, unter anderem von Hannah Arendt, Uwe Johnson, einem ungewohnt jungen Günter Grass, Rainer Werner Fassbinder, you name it.

Zehn Minuten vorher hatte auf diesem Stuhl noch Matthias Lilienthal gesessen, der Berliner HAU-Intendant und internationales Theatertrüffelschwein, der jetzt schon eine Station weiter ist auf diesem inszenierten Geisterpfad durch ein leeres, aber vor Geschichten dröhnendes Haus, die an jeder Station für die einzeln durchgeschleusten Besucher dieses «Hotel Savoy» – einer performativen Rauminstallation von Dominic Huber – in kleinen Dosen aus den Ritzen dringen.

Was man in den fünfziger, sechziger und noch siebziger Jahren mit «Kulturaustausch» zum Zwecke der «Völkerverständigung» meinte, ist heute genauso historisch wie der rührend altmodisch ...

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Theater heute Dezember 2010
Rubrik: In der Zeitmaschine, Seite 14
von Franz Wille

Vergriffen
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