Verstören, beschimpfen, umarmen
Trendbewusste Theatermacher pflegen zurzeit ja eher ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Publikum. Abende, an denen Kulturaktivisten (wie neulich das Zentrum für politische Schönheit in Dortmund) exklusiv das Auditorium herunterputzen, weil es sich lieber in Yogastudios herumtreibe statt in Damaskus gleichermaßen aktiv gegen den IS und den syrischen Diktator Assad zu kämpfen, sind augenscheinlich im Kommen.
Am Staatsschauspiel Dresden segelt der Dramatiker Martin Heckmanns dieser Publikumsbeschimpfungs-Retro-Welle mit einer denkbar stromlinienunförmigen Parkett-Umarmungsoffensive entgegen. Statt als «abwärts schauenden Hund» auf der Yogamatte stellt sich Heckmanns den gemeinen Zuschauer als intellektuelle wie emotionale Rezeptionshöchstbegabung vor, an der das Theater lauter löbliche Dinge bewirkt und der den Publikumsbeschimpfungsreanimateuren mit schlichter Hermeneutik den Wind aus den Segeln nimmt. «Ich verstehe ja, dass dieses Theater uns verstören will, das ist seine Aufgabe», analysiert zu vorgerückter Stunde eine Dame im feschen Schwarzen ohne jede Pulsbeschleunigung. «Und dass ich schlussendlich auch noch dafür beschimpft werde ..., weil ich hier zuschaue und tatenlos ...
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Theater heute November 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Christine Wahl
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