Und der Mensch ist doch gut!

Christoph Nußbaumeder «Mutter Kramers Fahrt zur Gnade»

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Wie versteinert sitzt die ältere Frau im Zentrum der Bühne. Dicke Spinnweben überziehen ihren Körper. Um sie herum hat Bühnenbildner Dirk Thiele haushohe Wände errichtet, in deren setzkastenähnlichen Auslassungen Darsteller wie Schießbudenfiguren im Halbdunkel verharren. Mit einer bizarren Märchenszenerie eröffnet Heike M. Goetze ihre bei den Ruhrfestspielen her­ausgekommene Inszenierung von Christoph Nußbaumeders neuem Stück «Mutter Kramers Fahrt zur Gnade». Es ist die pensionierte Lehrerin Anita Kramer, die sich hier in einer Dornröschenstarre befindet.

Nußbaumeder lässt hingegen in seinem bürgerlich volksstückhaften Text die Kaffetassen und Kuchengabeln nur so klappern: Anita schlägt nach dem Tod ihres Mannes mit Bibelkreis und undankbarer Tochter die Zeit tot, bis sie den arbeitslosen Hudi kennenlernt. Durch ihn erfährt sie eine Art Politisierung, hört erstmals von der erniedrigenden Behandlung im Jobcenter und von beschönigten Arbeitslosenstatistiken. Sie beginnt eine Beziehung mit ihm, zum Entsetzen von Rentner Kurt, der mit Anita gemeinsam in ein Seniorenheim ziehen möchte, und ihrer Toch­ter Carmen, die gerade Leiterin des Jobcenters geworden ist und es gemeinsam mit ihrem ...

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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Chronik: Bochum Schauspiel, Seite 60
von Natalie Bloch

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