Todestrieb und Dekolonisation

Paris spielt Dostojewski, und am Genfersee reflektiert Cédric Djedje ein halbes Jahr in Berlin-Wedding

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Der Starez Sossima, der heilige Mönch, liegt halb erhöht im offenen Sarg wie Holbeins Christus, ausgestellt als Wundertäter, und stinkt. Statt des erwarteten Wunders ereignet sich Fäulnis, und in einer grotesken Choreografie versuchen die Trauergäste und Jünger, mit angehaltenem Atem dem Kadaver gegenüber Haltung zu bewahren. Noch ein paar würdevolle Worte, bis endlich einer das Fenster aufreißt.

Sylvain Creuzevault inszeniert im Pariser Théâtre de l’Odéon Dostojewskis «Brüder Karamasow», es ist ein grauslicher Genuss.

Der Regisseur hat einen ausgeprägten Sinn für das Absurde, die Komik in der Maßlosigkeit, die Farce im Todestrieb, aber natürlich auch das soziale und politische Trauma der unheiligen Familie. Die ja bei Karamasows zunächst einmal durch die Abwesenheit von Müttern auffällt, nebenbei bemerkt. Creuzevault hat Erfahrung mit Dostojewski, er hat mit seiner Compagnie Le Singe schon eine vielbeachtete Adaption der «Dämonen» herausgebracht, «Les Démons», dann «Ein grüner Junge» («Scènes d’ado -lescent»), «Le Grand Inquisiteur», und jetzt eben «Les Frères Karamazov», ohne die Legende vom Großinquisitor noch mal aufzunehmen. Aber auch schon mal «Das Kapital» von Karl Marx, «Le ...

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Theater heute Juni 2023
Rubrik: International, Seite 47
von Andreas Klaeui

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