Foto: Magdalena Lepka

Thomas Oberender: Mehr Sinnlichkeit

Wie sieht der Tanz der Zukunft aus und wo findet er statt? 16 Statements

Tanz - Logo

Am Tanz hat mich immer interessiert, dass er Wissen – Haltungen, Praktiken, Techniken – weitergibt. Ohne den Transfer von Körper zu Körper würde dieses Wissen verschwinden. Tanz ist eine Körpertechnik, das Medium zugleich das Instrument. Das schien mir stets ein «antiwestliches» Moment zu sein, wie es sonst nur unterschiedlichen Formen der Meditation eigen ist. Die Tanzpraxis ließ sich selbst in ihren avanciertesten Formen nie vollständig vom Vorgang des lehrenden Teilens ablösen.

Kein Video erfasst die Komplexität der Vorgänge, die den Körper des Tänzers bewohnen. Welche Standards – selbst in Form ihrer Übertretung oder Leugnung – tradiert werden, vermag eine Aufzeichnung nie ganz zu vermitteln. Ein Drama oder eine Sonate überlebt als literarisches Stück, ein Tanz bislang nur durch Nachvollzug. Die digitalen Medien aber können den Tanz in neuartiger Weise «literarisieren» und damit die Praxis der Weitergabe vom Körper des Meisters, der Meisterin ablösen.

So wie das öffentliche Erzählen der klassischen Rhapsoden durch die Erfindung des Aufschreibens verschwand, während ihre Epen als Bücher überlebten, haben die neuen Technologien wahrscheinlich längst die Quellbereiche ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Raum für Visionen, Seite 122
von Thomas Oberender

Weitere Beiträge
Annemie Vanackere: Das Morgen entwerfen

«To imagine the future is a political practice», schreibt die Feministin Laurie Penny auf der Netzplattform «The Baffler». Die Zukunft zu imaginieren, steht gerade auch im Zentrum unserer künstlerischen Arbeit im Theater. Im Theater erproben wir das Leben, die Welt. Die Bühne ist ein Raum zum Experimentieren und Imaginieren, zum Ausloten anderer Lebensmodelle und...

Mauro de Candia

Die Linie, die Diagonale, die Kurve, der Winkel. Deren Kraft und Poesie betont der italienische Choreograf. Reichert sie an, indem er Körper wie kantige Gebilde in das Geflecht der Linien stößt oder mit sanftem Pulsen deren Richtungsdrängen hemmt. Dabei gibt er Zeit: Die Reihen seitlich gelagerter, skulptural arrangierter Tänzer und Tänzerinnen, mit denen sein in...

Brandon Washington

Brandon Washington stimmte in Faye Driscolls «Thank You for Coming: Play» die Klage-Arie «Where’s my Mom?» an. Das war im vergangenen Herbst an der ­Brooklyn Academy of Music. Unbändig um sich schlagend, aus dem Gleichgewicht taumelnd, gegen die Wand prallend, brachte er sein Publikum zugleich zum Lachen und zum Weinen. In der «Thank You for Coming»-Reihe müssen...