Theater ist eine Droge

Als sie 2013 zur «Regisseurin des Jahres» gekürt wurde, war Tatjana Gürbaca Operndirektorin in Mainz. Seit nunmehr fünf Jahren ist die gebürtige Berlinerin wieder auf der freien Wildbahn unterwegs. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine konzise, mutige, diskursive, fantasievolle Sprache sowie eine entschlossene politische Haltung aus. Ein Gespräch über die deutsche Romantik, Neoliberalismus, Utopien und die Faszination Händel

Opernwelt - Logo

Frau Gürbaca, in seiner Studie über Luigi Cherubinis «Medée» vertritt Günter Ned die folgende These: «Im Augenblick, wo der Künstler ans Leben glaubt, verliert er die Kunst, und sie verlässt ihn.» Geben Sie ihm recht?
Im Gegenteil. Der Künstler muss, um Kunst machen zu können, leidenschaftlich im Leben stehen.

Woher nimmt man sonst die Inhalte, wenn nicht aus dem, was einen jeden Tag aufs Neue brennen lässt, zum Nachdenken bringt, ärgert oder mit Lust erfüllt?

Muss man an dieses Leben glauben, um Kunst machen zu können?
Man muss einfach nur leben. Außerdem bedarf es, um Regie zu führen, schon einer gewissen Haltung, auch zu politischen Themen, zu Themen des Alltags. Und man sollte eine Offenheit und Neugier für das Gegenüber haben.

Und dieses Gegenüber finden wir im Leben und nicht in der Kunst? In dem, was uns umgibt? Ist es nicht vielmehr so, dass uns auf der Bühne Figuren begegnen, die wir im Leben niemals treffen? Alcina wohnt ja schließlich nicht in der Friedrichstraße in Berlin.
(lacht) Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich glaube, dass man als Regisseur in jeder Figur auch selbst ein bisschen steckt. Sonst kann man sie ja gar nicht inszenieren.

Gut, nehmen wir an, es wäre ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2019
Rubrik: Interview, Seite 54
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Spaß mit leeren Töpfen

In Shakespeares «Henry V» heißt es: «The empty vessel makes the greatest sound» – ein leerer Topf tönt am lautesten. Natürlich darf man dabei an aktuelle politische Ereignisse denken; dass sich freilich immer wieder Mehrheiten finden, die Politclowns ernst nehmen und wählen, ist so erstaunlich wie unheimlich. Ob Satire helfen kann, den Pessimismus zu mindern? Wie...

Zusammengeschustert?

Zoff bei Oberons. Der Elfenkönig liegt im Streit mit seinem Ehegespons Titania, es geht um die menschliche Treue. Diese rechtfertigen müssen daher der Ritter Hüon von Bordeaux und Rezia, die Tochter des Kalifen zu Bagdad, allerlei Wundersames und auch schwer Erträgliches durchstehen, ehe sie einander in die Arme fallen dürfen. So weit die Handlung von Webers...

Kunst des Übergangs

Zum ersten Mal leitet Pierre Audi, nach 30 Jahren aus Amsterdam geschiedener Ex-Intendant der Niederländischen Nationaloper, eine französische Kulturinstitution. Und sucht gleich mit seinem ersten Programm für das 1948 gegründete Festival d’Aix-en-Provence eigene Akzente zu setzen – u. a. mit dem ersten Puccini («Tosca»; Rustioni/Honoré) der Festspiel­geschichte,...