Ressourcen statt Identität

Oliver Reese will Distanzen zu anderen Kulturen ausloten und fremde Geschichten ohne Angst anhören

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Der Begriff Leitkultur ist in meinen Augen kontaminiert, und ich bezweifle, dass er sich rehabilitieren lässt. Nicht nur laut «Wikipedia» führte ihn der Politologe Bassam Tibi 1996 in die deutsche Sprache ein. Er wollte eine europäische Leitkultur als «Quelle einer verbindlichen Wer­teorientierung» und eines «demokratischen, pluralistischen Interessenausgleichs» verstanden wissen. 2000 verengte der CDU-Politiker Friedrich Merz den Begriff und mahnte in Verbindung mit einer «freiheitlich deutschen Leitkultur» Regeln für Einwanderung und Integration an.

Seitdem ist viel zur Leitkultur gesagt worden, in jüngster Zeit sogar eher mehr als weniger und in immer schrilleren, unangenehmeren Tönen. Der Begriff erhitzt die Gemüter. 

Während Vertreter des linksliberalen Lagers den Freunden der Leitkultur schnell reaktionäre Hegemonieansprüche und Deutschtümelei unterstellen, bringen konservative Kräfte im Buhlen um verunsicherte Wähler den Begriff gegen Multikulturalismus in Stellung. Heraus kommt meist ein Katalog an Benimmregeln, der vor allem der Selbstvergewisserung dient. Thomas de Maizière hat mit seinen zehn Thesen und dem griffig-populistischen Statement «Wir sind nicht Burka» 2017 ...

 

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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (2), Seite 84
von Oliver Reese

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