Politische Kapriolen, fabelhafte Fluchten
Vor zwei Jahren stand in Heidelberg ein 64-Jähriger vor Gericht, dem Amtsanmaßung, Titelmissbrauch und versuchte Nötigung in mehreren Fällen vorgeworfen wurde. Der Mann hatte sich als Bürgermeister ausgegeben und honorige Heidelberger erpresst: Er verlangte von ihnen Irrsinnssummen, wenn sie ihm nicht eine beglaubigte «Gründungsurkunde» der Bundesrepublik Deutschland und des Bundeslandes Baden-Württemberg zuschicken würden. Von Anwälten wurde eine «Zulassung der Militärregierung» eingefordert. Und das innerhalb von 72 Stunden. Sonst ...
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Der Angeklagte war überzeugter «Reichsbürger», mithin einer, der auf die aktuelle freiheitlich-rechtliche Grundordnung pfeift und überhaupt der Meinung ist, noch immer in den Grenzen des Kaiserreichs von 1871 zu leben. Die Bundesrepublik hält er für unrechtmäßig, seine antidemokratische und rassistische Gesinnung unterscheidet ihn kaum von den Nationalsozialisten, die er allerdings, monarchietreu bis in die Eingeweide, auch nur schräg von der Seite ansieht. Der Heidelberger war dabei noch relativ «zahm»: Er wollte nur Geld; andere Gesinnungsgenossen, denen es an Besinnung mangelt, greifen da auch schon mal zur Flinte und ballern von ihrem ...
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Theater heute Juni 2019
Rubrik: Festivals, Seite 30
von Bernd Noack
Die beste Szene wird man als Foto nirgends sehen: Das Ensemble steht splitternackt vorm Publikum und fordert es zu Atemübungen auf. Es geht um dieses «Wir lieben uns alle»-Atmen: «Wir sind Europa und niemand sonst. Wir stehen zusammen, nichts kann uns zerstören.» Ironie entlarvt Esoterik als Flucht in die kollektive Verantwortungslosigkeit: «Du hast es dir...
Politik ist nur Clownerie? Das scheint doch etwas plump gedacht. Es geht um Politik, so sehr wie in keinem anderen Shakespeare-Stück. Alle sind sie Clowns in Tilmann Köhlers Düsseldorfer Inszenierung – das wankelmütige Volk, die Volksvertreter, die nur ihre Funktion sichern wollen, die stolzen Aristokraten, der joviale Senator – alle meinen es ernst, aber alle...
Punkt 9 des Manifests von Milo Raus neuem NTGent legt fest, dass mindestens eine Produktion pro Spielzeit in einem Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt und aufgeführt werden muss. Was bringt der erste Ernstfall: «Orest in Mossul»?
Peter Simonischek kann auf stolze 50 Jahre in Ensembles von St. Gallen über Bern und Düsseldorf nach Berlin und Wien...
