Kunst als Droge
Stücke sind out, Stückentwicklungen in – der Eindruck drängt sich beim Durchblättern der Spielpläne auch großer Schauspielhäuser seit Längerem auf, zumindest was die aktuelle Dramatik betrifft. Dabei wird oft unterschätzt, dass Selbermachen hier oft eines höheren zeitlichen Aufwands bedarf, den sich die Theater im engen Premierentakt dann doch nicht leisten wollen.
«Ein Projekt von Albert Ostermaier und Martin Kušej», so heißt die Produktion «Phädras Nacht» am Münchner Residenztheater im Untertitel, und so kann man schon mal sicher sein, dass hier poetisch und inszenatorisch Hochprozentiges ausgeschenkt wird. Im markanten Schulterschluss sind Autor und Regisseur angetreten, den aktuellen Themenkomplex Flucht, seelische Kriegsversehrungen, Abstumpfung und Entwurzelung mit einer mythischen Amour fou kurzzuschließen, die europäische Verstrickung im Afghanistan-Einsatz und dessen unheilvolle Folgen mit der generationenübergreifenden Fantasmagorie der liebeswunden Königin, die ihre Zurückweisung durch den Stiefsohn mit einem falschen Vergewaltigungsvorwurf grausam rächt.
Ganz vom Gefühl auszugehen, mag da zunächst kühn erscheinen, birgt allerdings auch die Gefahr, in der Doppelschau ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Silvia Stammen
Ich möchte im Folgenden einige dringliche, bruchstückhafte und unfertige Gedanken über unsere globale Gegenwart mit Ihnen teilen; darüber, was unsere heutige Zeit im Kern ausmacht; was diesen eigentümlichen Moment, den unsere Welt derzeit durchlebt, beschreibt. Da es letztlich auch darum geht, unserer Zeit einen Namen zu geben, erlaube ich mir zu behaupten, dass...
Was heißt Schauspielen heute? In den vergangenen Festivalwochen zeigte das Berliner Theatertreffen eine Auswahl sehr heterogener Spielweisen. In Forced Entertainments «Real Magic« sind es feine darstellerische Nuancen, die das Monströse einer einfachen Situation durch viele Wiederholungen und kleine Abwandlungen sichtbar machen. Simon Stones Inszenierung von «Drei...
Auf dem Büchertisch im Erlanger Theater lag es: das gelbe Reclam-Heftchen mit Heinrich von Kleists berühmtem Aufsatz «Über das Marionettentheater». Darin ist zu lesen von den heftigen Zweifeln des Dichters: Puppen- und Figurentheater hält er für etwas «Zusammengezimmertes», das «den Pöbel durch kleine dramatische Burlesken, Gesang und Tanz» belustigt, für «etwas...
