Kreativkatastrophen und andere Höhepunkte

Endspiele des positiven Denkens: Inszenierungen von Herbert Fritsch, Martin Kusej, Johan Simons, Nicolas Stemann, Michael Thalheimer und René Pollesch

Was für großartige Gestrigkeiten: Elf bieder-korrekte Anzugmänner und Kostümfrauen, ganz Schlips und Bügelfalte mit grauem Hut, tauchen aus den Tiefen der 60er Jahre, weit entfernt von jeder Eleganz, Uniformträger einer untergegan­genen Angestelltenkultur aus dem Geist der Vollbeschäftigung, als noch kein Mensch übertrieben originell oder kreativ sein wollte, sondern mit ordentlich stupiden Tätigkeiten in soliden Nine-to-five-Jobs ihre liebenswert spießigen Familien versorgten. Der Begriff Mainstream war noch nicht so geläufig, man hätte sich jedenfalls nichts Böses dabei gedacht.

Aus ihren Mündern pladdert ein dauerndes Gemurmel, zwar angestrengt ausdrucksbemüht, aber trotzdem nicht der Rede wert, nicht einmal der simpelsten Hauptsätze. Helmut Kohl ist später damit Kanzler geworden. An ihren Gliedern zerrt schon der Besonderungs-Drang, ein Rucken und Zucken, Recken und Strecken aus dem schlipsumschnürten Durchschnitts-Innersten, aber weit kommen sie damit noch nicht. Es reißt sie gelegentlich von den Füßen oder schleudert sie in den Bühnengraben, einzelne rebellierende Arme, Beine, Gesichter werden aber schnell wieder einfangen, glattgefaltet, einsortiert. In ihren Ohren dröhnt das ...

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Theater heute Jahrbuch 2012
Rubrik: Das Theater mit der Kreativität, Seite 24
von Franz Wille

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