Kling, klang, klong
Die Einführungsvorlesung über den Rechtsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit hat der Rosshändler Kohlhaas bei Heinrich von Kleist offenbar verpasst.
Nachdem ihm unrechtmäßigerweise zwei seiner Gäule beim Junker von Tronka zuschanden gequält worden sind, der fällige Prozess dann mit üblen Machenschaften hintertrieben wurde und auch noch seine Frau beim Versuch, ihm Gerechtigkeit zu verschaffen, ihr Leben lässt, dreht er durch: Kohlhaas, der Wutbürger, plündert die Tronkenburg, mordet und brennt auf seinem Rachefeldzug, überfällt die Stadt Wittenberg und kann schließlich nur mit Mühe von Martin Luther überredet werden, sich zu stellen.
Kleists historische Novelle ist ein schönes Stück Schullektüre und wird gerne dramatisiert, jetzt auch in der Berliner Schaubühne. Wie würden sich Regisseur Simon McBurney und seiner Regiemitarbeiterin Annabel Arden entscheiden? Für den blutigen Rächer, gegen die korrupte Obrigkeit? Für den letztlich staatstreuen Lutherspruch, der den Bürger Kohlhaas in seine Schranken weist?
Weder noch. Sechs Mikrofonständer und Notenpulte stehen vor sechs Schauspielern, die sich in wechselnden Rollen – mit Ausnahme von Renato Schuch als Kohlhaas – um Scheinlockerheit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Franz Wille
Die Wiener Festwochen fanden erstmals 1951 statt, wurden heuer also 70 Jahre alt. Man kann aber nicht behaupten, dass sie von ihrem runden Geburtstag großes Aufhebens gemacht hätten. Sogar das obligate Jubelbuch, das zu solchen Anlässen gerne publiziert wird, hat der Jubilar verweigert. Stattdessen fand im Brut Nordwest – der neuen temporären Spielstätte des...
Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir ein unbeschriebenes Blatt Papier. Deshalb passt es auch sehr gut, dass das Bühnenbild in Nurkan Erpulats Inszenierung von «Streulicht» im Container des Berliner Gorki Theaters aus nichts als einem überdimensionalen weißen Gebilde besteht, das man nach Herzenslust zusammenfalten, drehen und in verschiedenen Formationen wieder...
Als Josef Hader bei der Premiere die Bühne betritt, wird er vom Publikum im Wiener Stadtsaal mit Ovationen empfangen. «Sie sind ein bissl aufgeregt, gell?», sagt Hader. «Sie müssen sich keine Sorgen machen, ich mach’ das schon, mit meiner Premierenroutine.» Das ist die erste Pointe des Abends. Denn alle im Saal wissen: Keiner hat so wenig Premierenroutine wie der...
