Gefährdeter Humanismus
Die Macht der poetischen Sprache. Seit Schahrasads Stunt in den «Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht» gehört es zu den Aufgaben der Kunst, und nicht zu den geringsten, der Macht der Mächtigen die Macht der Fiktion entgegenzusetzen, um diese so im Idealfall zu bändigen.
Was könnte die Macht der Mächtigen, übertragen auf ein Bühnenbild, mächtiger veranschaulichen als die uneinnehmbar scheinenden, real sich auftürmenden riesigen Festungsmauern des Papstpalastes in Avignon? Hier in der Cour d’honneur, dem «Ehrenhof» des Palais des Papes, findet traditionell die Eröffnung des Theater-Festivals statt.
Die Bühne vor der Realmauer ist klinisch weiß und übersät mit Gittern, einer mobilen Abschrankung, offenen Trapez-Zelten, rollenden Feldbetten, dazu Waschbecken, alles sehr gebastelt und das Gegenteil von festgefügt. Zugleich verweist es auf Gefängnis, Klinik, Lazarett, Disziplinierung, Zwang und Kontrolle. Das Setting ist in sich ambivalent. Aber wie spielzeughaft mutet es erst vor diesen unverrückbaren Wänden an!
Die Choreografin Marlene Monteiro Freitas, «Artiste complice» des Festivals und ab 2026 auch im neuen «Artistic Board» der Berliner Volksbühne, hat sich für die ...
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Theater heute Oktober 2025
Rubrik: Festivals, Seite 12
von Andreas Klaeui
Wann und wodurch beginnt jemand Künstler zu sein? Ist er schon Künstler ohne Werk? Wie hat Robert Wilson für sich den Moment «since I’ve been me» bestimmt? Am Anfang seiner künstlerischen Biografie steht ein Akt der Befreiung. Der Junge Bob aus Texas stottert und ist viel mit sich allein, in Abgrenzung von der konservativ-frommen Umgebung und dem straighten Vater....
Es ist fast unmöglich, ‹100% Hongkong› im Jahr 2021 mit der Produktion zu vergleichen, die 2019 hätte stattfinden können», schreibt die in Hongkong lebende, französischamerikanische Kritikerin Molly Grogan im «Zolima Citymag». «Aber eine einzige Statistik bringt die tiefgreifende Veränderung von Hongkong in diesen zwei Jahren zum Ausdruck: von den 100 Personen, die...
In einem meiner früheren Leben bin ich Theaterkritiker gewesen. Da hatte ich den ganzen Sommer lang frei. Na gut, abgesehen von zwei, drei Tagen, an denen irgendwo auf dem Land im Park eines Herrenhauses oder am Rand eines aufgelassenen Militärareals Sommertheater gespielt wurde. Wie ich von dieser Arbeit leben konnte, weiß ich heute nicht mehr. Aber egal. Und ob...
