François Chaignaud, Cecilia Bengolea als «Sylphiden», Foto: Donatien Veismann

François Chaignaud, Cecilia Bengolea

30 Tanzkünstler mit den besten Aussichten

Tanz - Logo

Warum gehören Cecilia Bengolea und François Chaignaud hierher, die doch frech alles an Tanzstilen zusammenrühren, was auf Straßen und in Clubs nicht bei drei in der Versenkung verschwunden ist? Genau deshalb, weil das im französischen Lyon beheimatete Choreografenduo einfallsreich durcheinander mixt, was scheinbar gar nicht zusammengehören kann – und weil die beiden einen daran erinnern, dass Bühnentanz zunächst einmal etwas mit schierer, purer Energie zu tun hat. Und mit Spaß.

Man möchte mitmachen, wenn man die wilden choreografischen Mischungen sieht, mindestens aber danach zuhause durch die Wohnung hüpfen, wackeln, zucken.

Bengolea und Chaignaud machen augenfällig, dass ein tanzender Mensch anderen tanzenden Menschen immer nahe ist, mögen Technik (oder auch: keine Technik), Textur, Ausstrahlung, Stimmung der Bewegungen auch ganz unterschiedlich sein. Tanz ist bei ihnen ein Menschenrecht, eine Notwendigkeit, ein Füllhorn voller Überraschungen auch. Cecilia Bengolea hat unter anderem Tanzanthropologie studiert, Chaignaud ist zunächst in eine ganz traditionelle Ausbildung gestartet. Aber egal, ob jemand gelernt hat, auf Spitzenschuhen zu stehen und sich atemberaubend zu drehen, oder ob er einfach enthusiastisch alle Rundungen seines Körpers schüttelt – die beiden Choreografen bauen keine Mauern und keine Hierarchien auf. Sie stellen zum Beispiel jamaikanische Dancehall Moves neben artige höfische Tanzbewegungen. Eine tiefere Bedeutung wird dabei nicht erzwungen. Es genügt, dass die Welt in Bewegung gerät. Cecilia Bengolea und François Chaignaud besinnen sich auf die Wurzeln und führen gleichzeitig in die Zukunft.



Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 169
von Sylvia Staude

Weitere Beiträge
Declan Whitacker: Werdet singulär

Stell dir vor, du könntest einem Freund ein Körperteil nach dem anderen abnehmen, wissend, dass er jede einzelne Amputation überleben würde. Du nimmst ihm einen Finger ab, dann ein Ohr, eine Hand. Die physische Gestalt vor deinen Augen verändert sich, doch du gehst davon aus, dass es sich immer noch um deinen Freund handeln muss, schließlich hat er ja noch sein Gehirn, seine Gedanken und...

Mauro de Candia

Die Linie, die Diagonale, die Kurve, der Winkel. Deren Kraft und Poesie betont der italienische Choreograf. Reichert sie an, indem er Körper wie kantige Gebilde in das Geflecht der Linien stößt oder mit sanftem Pulsen deren Richtungsdrängen hemmt. Dabei gibt er Zeit: Die Reihen seitlich gelagerter, skulptural arrangierter Tänzer und Tänzerinnen, mit denen sein in diesem Jahr...

Thomas Oberender: Mehr Sinnlichkeit

Am Tanz hat mich immer interessiert, dass er Wissen – Haltungen, Praktiken, Techniken – weitergibt. Ohne den Transfer von Körper zu Körper würde dieses Wissen verschwinden. Tanz ist eine Körpertechnik, das Medium zugleich das Instrument. Das schien mir stets ein «antiwestliches» Moment zu sein, wie es sonst nur unterschiedlichen Formen der Meditation eigen ist. Die Tanzpraxis ließ sich...